Meiner Tante Rosaria
für ihre treue Überlieferung des Lebens der Dienerin Gottes
Luisa Piccarreta

 

BERNARDINO GIUSEPPE BUCCI
Ordensangehöriger der Minoriten

 

LUISA PICCARRETA
Memoirensammlung über die Dienerin Gottes

 

 Eigentum des Autors

INHALTSVERZEICHNIS

 

EINFÜHRUNG
VORWORT

ERSTES KAPITEL

Biographische Daten
Bedeutsame Daten
Beichtväter und Seelenführer
Die Bischöfe
Liste der Schriften von Luisa Piccarreta

ZWEITES KAPITEL

Das Reich des göttlichen Willens
Einige unveröffentlichte Gebete

DRITTES KAPITEL

Die von der Epilepsie Geheilte
Die Klingel der Zwietracht
Eine perfekte Stickerin
Die geheimnisvollen Wunden
Pater Pio, Luisa Piccarreta und Rosaria Bucci
Tante Rosarias Geheimnis

VIERTES KAPITEL

Annibale Maria di Francia und Luisa Piccarreta

Der selige Annibale und die Ordensprovinz der Kapuziner von Apulien
Luisas Vorliebe für die Kapuziner. Pater Salvatore da Corato und Luisa Piccarreta

FÜNFTES KAPITEL

Ein seltsames Mittagessen
Die mißlungene Bußübung
Eine Prophetie
Das stürmische Meer

SECHSTES KAPITEL

Der prophezeite Purpur
Der geheilte Bischof

SIEBTES KAPITEL

Luisa und die Jugend von Corato
Der Soldat, der keiner werden konnte
Der auferweckte Junge
Isa Bucci und Luisa Piccarreta
Gemma Bucci und Luisa Piccarreta

ACHTES KAPITEL

Eine Heilung
Die scheuenden Pferde
Der Zönakel in der Via Panseri
Das geheilte Pferd
Der verlobte Soldat

NEUNTES KAPITEL

Luisa, der Schrecken der teuflischen Mächte
Der heilige Tod der Luisa Piccarreta
Der ermordete Junge, der wieder auferweckt wurde

KURZBIOGRAPHIE DES AUTORS

 

EINFÜHRUNG

Die liebevolle Fürsorge, um das Andenken der Menschen unseres Landstrichs zu bewahren, die sich durch ihre demütige tägliche Arbeit und die Annahme der Leiden dieses Lebens in der Liebe zu Gott und dem Nächsten ausgezeichnet haben, hat den Kapuzinerpater Bernardino Bucci veranlaßt, jene „Familienerinnerungen" zu verfassen, in denen er die Persönlichkeit der Luisa Piccarreta beschreibt, die auch in vertrautem Ton »Luisa die Heilige« genannt wird.

Das Interesse für Luisa ist bemerkenswert sowohl wegen der Aufmerksamkeit, die heute einer Vertiefung der Mystik zukommt (und Luisa ist sicher der Mystik zuzurechnen, da sie durch ihre Kontemplation und die Annahme ihrer körperlichen und geistigen Leiden eine beachtliche Innigkeit mit Jesus erreicht hatte) als auch deswegen, weil Luisa von einigen unserer Brüder (P. Fedele da Montescaglioso, P. Guglielmo da Barletta, P. Salvatore da Corato, P. Terenzio da Campi Salentina, P. Daniele da Triggiano, P. Antonio da Stigliano, P. Giuseppe da Francavilla Fontana, um einige zu nennen) regelmäßig besucht wurde, die ihr die wesentlichen Elemente franziskanischer Spiritualität vermittelt haben und ihrerseits von Luisa die Liebe zu Christus und ihr Engagement bei der Erfüllung des göttlichen Willens erfahren durften.

Möge dieses von Pater Bernardino mit so viel Liebe und Enthusiasmus geschriebene Buch all jene erfreuen, die es lesen, um sich in die Spiritualität Luisas hineinzuversetzen und um ihre Seligsprechung voranzutreiben.

 

P. Mariano Bubbico

Provinzialoberer der Kapuziner Minoritenfratres von Apulien

PHOTO)

Luisa in ihrer Schau des FIAT SUPREMUM

 

VORWORT

Aufgrund einer eindringlichen Aufforderung des nunmehr emeritierten Erzbischofs von Trani, Msgr. Giuseppe Carata, fühlte ich mich veranlaßt, die Zeugnisse über Luisa Piccarreta schriftlich niederzulegen. Es sind dies gesammelte mündliche Zeugnisse seitens meiner Familie und anderer Personen, die die Dienerin Gottes persönlich gekannt haben. In einigen Episoden bin ich direkt beteiligt.

In meiner Jugend hatte ich ständigen und direkten Kontakt mit der Dienerin Gottes durch meine Tante Rosaria Bucci, die ungefähr vierzig Jahre lang Tag und Nacht der Dienerin Gottes zur Seite stand. Die beiden arbeiteten zusammen als Stickerinnen, wodurch sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Meine Familie war durch unzählige Bande mit der Familie Piccarreta verbunden. Meine Schwestern Isa, Maria und Gemma besuchten häufig Luisas Haus, auch um von ihr die Kissenstickerei zu erlernen. Gemma, die jüngste von ihnen, war Luisas Liebling. Bei ihrer Geburt hatte Luisa selbst den Namen Gemma vorgeschlagen. Angelina, die Schwester Luisas, war die Tauf- und Firmpatin meiner Schwestern. Wir hatten solch innige Beziehungen zu ihr, daß sie in meiner Familie allseits nur »Tante Angelina« genannt wurde.

Mit Luisa sprach man stets in sehr vertrautem Ton. Ich erinnere mich, daß meine Mutter regelmäßig zu Luisa ging und sich lange mit ihr unterhielt. Über ihre Unterhaltungen ist nichts bekannt. Ich glaube, Luisa hat ihr wohl ihren frühzeitigen Tod vorausgesagt; das entnehme ich der Tatsache, daß meine Mutter öfters über den Tod gesprochen hat und uns gegenüber immer zu verstehen gegeben hat, daß sie nicht mehr lange lebe. Sie verstarb dann auch im Alter von 51 Jahren, drei Jahre nach dem Heimgang Luisas. In ihrer Todesstunde trug sie ein Hemd der Dienerin Gottes.

Ich selbst habe von der Dienerin Gottes etliche Andachts- und Heiligenbildchen bekommen. Trotz unseres vertrauten Umgangs mit Luisa war ich bei ihr immer schweigsam und wie umgewandelt durch die Faszination, die sie ausstrahlte.

Viel Material habe ich gesammelt und aufgezeichnet, aber es ist mir nicht möglich, alles zu ordnen und drucken zu lassen. Das würde viel Arbeit und Zeit erfordern, über die ich einfach nicht verfüge. So mußte ich eine Auswahl treffen und das veröffentlichen, was ich für das interessanteste hielt, womit ich nicht behaupten will, daß die anderen aufgezeichneten Episoden etwa nicht lohnten, bekannt gemacht zu werden. Ich selbst bin davon überzeugt, daß jede Episode, die irgendwie mit Luisa Piccarreta zu tun hat, nützlich ist, um sie richtig in ihre Zeit einzuordnen.

Ich nehme mir erneut vor, die Ordnungs- und Forschungsarbeit ihrer Memoiren weiterzuführen und eine ausführlichere Biographie über die Dienerin Gottes drucken zu lassen, womit ich ja bereits vor geraumer Zeit begonnen hatte und was ich auch hoffe, so bald wie möglich fertigzustellen.

Pater Bernardino Giuseppe Bucci

ERSTES KAPITEL

Biographische Daten

Die Dienerin Gottes Luisa Piccarreta wurde am 23. April 1865 in Corato, in der Provinz Bari geboren, wo sie auch im Rufe der Heiligkeit am 4. März 1947 starb.

Luisa hatte das Glück, in einer jener patriarchalischen Familien geboren worden zu sein, die in Apulien überdauert haben und die das Landleben lieben, wo sie unsere Häuserblöcke bevölkern. Vito Nicola und Rosa Tarantino, ihre Eltern, hatten fünf Kinder: Maria, Rachele, Filomena, Luisa und Angela. Maria, Rachele und Filomena haben geheiratet. Angela, die allgemein nur Angelina genannt wurde, blieb ledig und blieb an der Seite ihrer Schwester Luisa bis zu ihrem Tode.

Luisa wurde am Weißen Sonntag geboren und am selben Tage getauft. Ihr Vater wickelte sie wenige Stunden nach ihrer Geburt in eine Decke und brachte sie in die Pfarrei, wo ihr die heilige Taufe gespendet wurde.

Nicola Piccarreta war Landwirt auf einem Bauernhof, welcher der Familie Mastrorilli gehörte und sich im Zentrum der »Murge« befand, die zu Torre Disperata gehörten, das 27 Kilometer von Corato entfernt liegt. Wer diese Gegend kennt, weiß auch die feierliche Stille zu schätzen, die dort inmitten einer sonnigen, kahlen und steinigen Hügellandschaft herrscht. Auf diesem Bauernhof verbrachte Luisa viele Jahre ihrer Kindheit und Jugend. Vor den Häusern steht noch immer der gewaltige uralte Maulbeerbaum mit seiner großen Aushöhlung im Stumpf, in der sich Luisa als Kind immer zum Beten vor den indiskreten Blicken der Anderen versteckte. An diesem einsamen und sonnigen Ort begann für Luisa jenes göttliche Abenteuer, welches sie auf die Pfade des Leidens und der Heiligkeit führen sollte. An eben diesem Ort mußte sie unsagbare Leiden ob der Anfechtungen des Bösen erdulden, was mitunter auch körperliches Leid mit sich brachte. Um von diesen Leiden befreit zu werden, flüchtete sich Luisa unaufhörlich ins Gebet, wobei sie sich besonders der allerseligsten Jungfrau zuwandte, die sie durch ihre Gegenwart tröstete.

Die göttliche Vorsehung führte dieses Mädchen auf so geheimnisvolle Wege, die sie außer Gott und seiner Gnade keine anderen Freuden kennenlernen ließen. Und so sagte ihr der Herr auch eines Tages: »Ich wandelte immer wieder auf der Erde umher und betrachtete mir ein Geschöpf nach dem anderen, um das geringste unter allen zu finden. Unter all diesen Geschöpfen habe ich dich gefunden, das geringste unter allen. Deine Geringheit gefiel mir, und so wählte ich dich aus; ich vertraute dich meinen Engeln an, auf daß sie deine Geringheit behüteten, und nun möchte ich das große Werk der Erfüllung meines Willens beginnen. Dadurch wirst du dich aber nicht größer fühlen, im Gegenteil, mein Wille wird dich noch geringer machen und du wirst weiterhin die kleine Tochter des göttlichen Willens sein« (vgl. Band XII, 23. März 1921).

Mit neun Jahren empfing Luisa zum erstenmal Jesus in der Eucharistie sowie die heilige Firmung, und fortan lernte sie, stundenlang im Gebet vor dem allerheiligsten Altarsakrament zu verweilen. Mit elf Jahren hat sie sich in der Kirche Sankt Joseph in die Vereinigung der Töchter Mariens eingeschrieben, die damals sehr florierte. Mit 18 Jahren trat sie in den Dritten Orden der Dominikaner ein und nahm den Namen »Schwester Magdalena« an. Sie war eine der ersten, die dem Dritten Orden beitrat, den ihr Pfarrer sehr unterstütze. Ihre Verehrung der Gottesmutter führte dazu, daß Luisa eine tiefe Marienspiritualität entwickelte, und dies sollte ein Vorspiel dessen sein, was sie eines Tages über die Gottesmutter schreiben würde.

Die Stimme Jesu führte Luisa so weit, daß sie sich von sich selbst sowie von allen Menschen und Dingen löste. Ungefähr mit 18 Jahren hatte sie auf dem Balkon ihres Hauses in der Via Nazario Sauro eine Vision Jesu wie er unter dem Kreuze litt, und als er den Blick auf sie richtete, sprach er folgende Worte: »Seele, hilf mir!«. Fortan entzündete sich in Luisa der unersättliche Drang, mit Jesus für das Heil der Seelen zu leiden. Damals begannen jene physischen Leiden, die zusammen mit den geistigen und moralischen Leiden bis ans Heldenhafte heranreichten.

Die Familie verwechselte dieses Erscheinungsbild mit einer Krankheit und suchte die Hilfe der Medizin auf. Doch alle Ärzte, die mit dem Fall betraut wurden, blieben aufgrund dieses einzigartigen klinischen Befundes ratlos. Luisa litt an einer Art Bewegungslosigkeit, die einer Leichenstarre glich, obwohl sie Lebenszeichen von sich gab. Es gab jedoch keine Mittel, sie von diesen unsagbaren Leiden zu erlösen. Als alle wissenschaftlichen Mittel erschöpft waren, griff man auf die letzte Hoffnung zurück, nämlich auf die Priester. Ein Augustiner wurde an ihr Krankenbett gerufen, es war Pater Cosma Loiodice, der sich wegen der berühmten siccardianischen Gesetze in der Familie befand. Zum Erstaunen aller Anwesenden reichte ein Kreuzzeichen aus, das der Pater über den gepeinigten Körper schlug, um der Kranken sogleich ihre normale Bewegungsfreiheit zurückzugeben. Als Pater Loiodice in den Konvent zurückgegangen war, wurden einige Weltpriester gerufen, die Luisa durch das Kreuzzeichen wieder in den Normalzustand versetzten. Sie war davon überzeugt, daß alle Priester heilig waren, doch sagte der Herr eines Tages zu ihr: »Nicht weil alle heilig wären - ach wenn sie es nur wären -, sondern nur weil sie die Fortsetzung meines Priestertums auf dieser Welt sind, sollst du ständig ihrer priesterlichen Autorität unterstellt sein. Handle niemals gegen sie, seien sie gut oder schlecht« (vgl. Bd. I). Luisa sollte tatsächlich ihr ganzes Leben lang der priesterlichen Autorität unterstellt sein; und dies sollte auch einer der Gründe werden, warum sie so viel zu leiden hatte. Dieses tägliche Muß, ständig unter priesterlicher Autorität zu stehen, um den gewöhnlichen Alltagsbeschäftigungen nachgehen zu können, stellte für Luisa die größte Form der Abtötung dar. In der ersten Zeit erduldete sie gerade von Seiten der Priester das größte Unverständnis und demütigende Beleidigungen, denn diese hielten sie für ein exaltiertes Mädchen, verrückt, für jemanden, der die Aufmerksamkeit der anderen auf sich lenken will. Einmal beließen die Priester sie über 20 Tage lang in diesem demütigenden Zustand. Luisa nahm ihre Opferrolle an und durchlebte diesen außerordentlichen Zustand: Jeden morgen war sie völlig erstarrt, unbeweglich und zusammengekauert in ihrem Bett, und niemand war fähig, sie ausgestreckt hinzulegen, ihre Arme anzuheben oder ihren Kopf und ihre Beine zu bewegen. Wie wir wissen, war die Anwesenheit eines Priesters notwendig, der durch die Segensgeste des Kreuzzeichens diese Totenstarre aufhob und sie wieder in ihren früheren Zustand zurückversetzte, so daß sie ihre Stickarbeiten wieder aufnehmen konnte. Es ist wohl einzigartig, daß ihre Beichtväter niemals gleichzeitig ihre Seelenführer waren. Es war dies eine Aufgabe, die sich unser Herr selbst vorbehielt. Jesus ließ sie direkt seine Stimme vernehmen, er war ihr Meister, er ermutigte sie, er tadelte sie, falls es nötig war, und er führte sie Schritt für Schritt zu den höchsten Höhen der Vollkommenheit. Luisa wurde jahrelang weise instruiert und vorbereitet, um die Gabe des göttlichen Willens zu empfangen.

Der damalige Erzbischof Giuseppe Bianchi Dottula (22.12.1848–22.09.1892) wollte, als er von den Ereignissen in Corato erfuhr, und nachdem er die Meinung einiger Priester eingeholt hatte, sich dieses Falles persönlich annehmen. Er dachte sehr lange nach, bevor er es für angebracht hielt, einen besonderen Beichtvater zu delegieren. Es war dies Don Michele De Benedictis. Er war ein hervorragender Priester, dem Luisa ausführlich ihr Herz öffnete. Don Michele war ein weiser und heiligmäßiger Priester; er machte dem Leiden Luisas ein Ende, und Luisa sollte fortan nichts mehr ohne seine Zustimmung tun. Don Michele war es auch, der ihr auftrug, wenigstens einmal am Tag etwas zu essen, auch wenn sie gleich darauf alles wieder erbrach. Luisa sollte nur noch gemäß dem göttlichen Willen leben. Dieser Priester gestattete ihr auch, ständig als Sühneopfer ans Bett gefesselt zu sein. Man zählte das Jahr 1888. Luisa blieb an ihr Schmerzenslager gefesselt und verbrachte dort 59 Jahre bis zu ihrem Tode in einer halb sitzenden, halb liegenden Position. Es ist bemerkenswert, daß sie bis zu diesem Zeitpunkt immer nur vorübergehend im Bett verbracht hatte, obwohl sie ihre Rolle als Opfer akzeptiert hatte, denn ihr Gehorsam hatte es ihr niemals erlaubt, ständig im Bett zu verbringen. Doch seit Neujahr 1889 war sie für immer ans Bett gefesselt.

Im Jahre 1898 beorderte der neue Erzbischof Tommaso De Stefano (24.03.1898–13.05.1906) Don Gennaro Di Gennaro als neuen Beichtvater, der diese Aufgabe 24 Jahre lang ausübte. Der neue Beichtvater erahnte die Wunder, die der Herr in dieser Seele bewirkte, und er trug Luisa kategorisch auf, alles, was die Gnade Gottes in ihr bewirkte, schriftlich niederzulegen. All die Gründe halfen nichts, die die Dienerin Gottes vorbrachte, um sich dem Gehorsam ihres Beichtvaters zu entziehen, ja nicht einmal die Tatsache, daß sie nur eine ganz geringe Schulbildung genossen hatte. Don Gennaro di Gennaro blieb diesbezüglich unerbittlich, obwohl er wußte, daß die ärmste nur die erste Volksschulklasse besucht hatte. So begann sie im Februar des Jahres 1899 ihr Tagebuch zu schreiben, welches zum Schluß ganze 36 dicke Bände umfaßte. Das letzte Kapitel wurde am 28. Dezember 1939 abgeschlossen, denn an jenem Tag erhielt sie die Weisung, nichts mehr zu schreiben.

Als ihr Beichtvater am 10. September 1922 starb, wurde der Domherr Don Francesco De Benedictis sein Nachfolger, der Luisa aber nur vier Jahre lang betreute, denn er starb bereits am 30. Januar 1926. Msgr. Giuseppe Leo, der Erzbischof jener Diözese (17.01.1920–20.01.1939) beorderte einen jungen Priester zum ordentlichen Beichtvater für Luisa. Es war Don Benedetto Calvi, der sie bis zu ihrem Tod betreute und mit ihr all die Schmerzen und das Unverständnis teilte, womit Luisa in ihren letzten Lebensjahren zu kämpfen hatte.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten unsere Landsleute das Glück, daß in Apulien der selige Annibale Maria Di Francia wirkte, der ein Männer- und ein Frauenhaus für seine im Entstehen begriffene Kongregation in Trani eröffnen wollte. Als er von Luisa Piccarreta erfuhr, begab er sich zu ihr, um ihr einen Besuch abzustatten, und von jenem Moment an waren diese beiden Seelen auf unzertrennliche Weise durch ihre gemeinsamen Anliegen miteinander verbunden. Auch andere berühmte Priester suchten Luisa auf, wie zum Beispiel der Jesuitenpater Gennaro Braccali, Pater Eustachio Montemurro, der im Ruf der Heiligkeit starb, sowie Don Ferdinando Cento, Apostolischer Nuntius und Kardinal der Römischen Kirche. Der selige Annibale wurde ihr außerordentlicher Beichtvater und Revisor ihrer Schriften, welche nach und nach überprüft und von den kirchlichen Behörden approbiert wurden. Es war ungefähr im Jahre 1926, als der selige Annibale Luisa auftrug, ein Heft anzulegen, in dem sie ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen niederschreiben sollte. Er veröffentlichte mehrere Schriften von Luisa, u.a. das berühmte Buch L’Orologio della Passione (Stundenbericht der Passion), das gleich viermal aufgelegt wurde. Am 7. Oktober 1928 wurde Luisa in den Konvent des soeben fertiggestellten Schwesternhauses der Kongregation vom Göttlichen Eifer in Corato gebracht, was auch dem Wunsch des seligen Annibale entsprach, der bereits in Messina im Ruf der Heiligkeit gestorben war.

Im Jahre 1938 ging auf Luisa ein fürchterliches Gewitter nieder: Sie wurde von Rom öffentlich angefochten und ihre Bücher wurden auf den Index gesetzt. Nachdem die Verurteilung veröffentlicht war, unterwarf sie sich sogleich der Autorität der Kirche.

Aus Rom kam ein von den kirchlichen Behörden gesandter Priester, der von Luisa alle Manuskripte verlangte, die sie ihm auch in völlig friedfertiger Gesinnung und bereitwillig aushändigte. Und so gerieten all ihre Schriften unter Verschluß des Heiligen Offiziums.

Am 7. Oktober 1938 mußte Luisa auf Anordnung der Oberen den Konvent verlassen und eine neue Bleibe finden. Ihre letzten neun Lebensjahre verbrachte sie in einem Haus in der Via Maddalena. Dieser Ort ist den Älteren aus Corato noch genau bekannt, denn von dort wurde am 8. März 1947 ihr Leichnam herausgetragen.

Luisas Lebensstil war sehr bescheiden, sie hatte wenig Habseligkeiten, ja sie besaß fast nichts. Sie lebte in ihrem Haus in Miete, und ihre Schwester Angelina sowie einige fromme Frauen betreuten sie liebevoll. Das wenige, was sie besaß reichte nicht einmal für die Miete aus. Sie verdiente sich ihren Lebensunterhalt durch Sticken, wovon sie auch noch das abzweigte, was zum Unterhalt ihrer Schwester diente. Sie selbst brauchte ja nicht einmal Kleidung und Schuhe. Ihre Mahlzeiten bestanden aus winzig kleinen Portionen, die ihr Rosaria Bucci, ihre Betreuerin, brachte. Luisa selbst verlangte gar nichts, sie war wunschlos und das, was sie an Speisen zu sich nahm, erbrach sie sogleich wieder. Dabei sah sie nicht wie eine Sterbende aus, aber natürlich auch nicht wie ein vollkommen gesunder Mensch. Dennoch war sie niemals untätig, ihre Kräfte wurden sowohl durch ihre täglichen Schmerzen als auch durch ihre Arbeit aufgezehrt. Ihr Leben grenzte für die, die sie gut kannten, an ein ständiges Wunder.

Bewundernswert war vor allem ihr völliges Losgelöstsein von allem Verdienst, der nicht von ihrer Arbeit kam. Entschieden lehnte sie Geld und allerlei Geschenke ab, die ihr in verschiedener Hinsicht angetragen wurden. Niemals hatte sie Geld für die Veröffentlichung ihrer Bücher angenommen. Und so antwortete sie eines Tages dem seligen Annibale, der ihr das von den Urheberrechten stammende Geld überbringen wollte: »Ich habe keine Rechte, denn das, was ich aufgeschrieben habe, ist nicht von mir« (vgl. »Vorwort« zum Buch L’Orologio della Passione, Messina, 1926). Geringschätzig lehnte sie Geld von frommen Menschen ab, die ihr mitunter etwas zukommen lassen wollten, und sandte es wieder zurück.

Luisas Behausung glich einem Kloster, und Neugierige hatten dort keinen Zutritt. Sie war stets umgeben von einigen Frauen, die dieselbe Geisteshaltung mit ihr teilten, und von einigen Mädchen, die ihr Haus frequentierten, um von ihr die Klöppelkissenstickerei zu erlernen. Aus diesem Kreis gingen etliche Berufungen hervor. Doch ihre Unterweisungstätigkeit endete nicht bei diesen Mädchen. Viele jungen Menschen sind durch sie ins Kloster eingetreten oder Priester geworden.

Ihr Tag begann morgens gegen fünf Uhr, denn da kam der Priester, um sie zu segnen und die heilige Messe zu lesen. In der Regel war es ihr Beichtvater oder ein von diesem bevollmächtigter Priester. Es handelt sich hierbei um ein von Leo XIII. bewilligtes Privileg, das auch von Pius X. im Jahre 1907 bestätigt wurde. Nach der Messe verharrte Luisa immer für ungefähr zwei Stunden im Gebet, um Gott zu danken. Gegen acht Uhr begann sie mit ihrer Arbeit, die bis zum Mittag dauerte. Nach einem kargen Mittagessen blieb sie allein in Betrachtung in ihrem Zimmer zurück. Nachmittags verrichtete sie einige Stunden Arbeit, um danach den Rosenkranz zu beten. Abends gegen acht Uhr begann Luisa ihr Tagebuch zu schreiben, und ungefähr gegen Mitternacht ging sie zu Bett. Wenn sie morgens erwachte, war sie völlig unbeweglich, steif und zusammengekauert im Bett. Ihr Kopf war stets nach rechts gedreht, und es bedurfte der priesterlichen Autorität, um sie in ihren Normalzustand zurückversetzen zu können, damit sie ihrer täglichen Beschäftigung nachgehen oder wenigstens aufrecht im Bett sitzen konnte.

Luisa starb im Alter von 81 Jahren, 10 Monaten und neun Tagen am 4. März 1947 nach 15 Tagen Krankheit, die einzige in ihrem Leben, die wirklich festgestellt werden konnte; es war eine Lungenentzündung. Sie starb bei Tagesanbruch zur selben Stunde, zu der morgens täglich der Priester kam, um sie zu segnen und sie von ihrer Starre zu befreien. Damals war Msgr. Francesco Petronelli der dortige Erzbischof (25.05.1939–16.06.1947). Man ließ Luisa aufrecht in ihrem Bett sitzen, denn es war nicht möglich sie ausgestreckt aufzubahren, ein wirklich seltsames Phänomen, denn ihr Körper verfiel nicht der Totenstarre und sie verblieb in der Position, in der sie zeitlebens immer war.

Sobald sich die Nachricht vom Tode Luisas wie ein Lauffeuer verbreitete, strömte die gesamte Bevölkerung zu ihrem Haus zusammen, und es bedurfte öffentlicher Ordnungskräfte, um die Massen zurückzuhalten, die Tag und Nacht herbeikamen, um Luisa zu sehen, denn sie bedeutete allen sehr viel. Eine Stimme ertönte: »Luisa, die Heilige ist gestorben!«. Um die Menschen zufriedenzustellen, die gekommen waren, um Luisa zu sehen, blieb der Leichnam Luisas in Absprache mit den Orts- und Gesundheitsbehörden vier Tage lang aufgebahrt, wobei es keine Anzeichen von einer einsetzenden Verwesung gab. Luisa schien nicht tot, sie saß auf ihrem Bett und war weiß gekleidet; es schien, als würde sie schlafen, denn, wie bereits erwähnt, verfiel ihr Körper nicht der Totenstarre. Ihr Kopf ließ sich mühelos in alle Richtungen bewegen, die Arme ließen sich anheben, die Hände und alle Finger waren ebenso beweglich. Selbst die Augenlider ließen sich öffnen, und man konnte ihre strahlenden ungetrübten Augen sehen. Alle betrachteten sie noch lebendig und lediglich im Tiefschlaf. Ein eigens dafür einberufener Ärzterat verlautbarte nach eingehenden Untersuchungen des Leichnams, daß Luisa wirklich tot war und daß man von einem echten Tod und nicht von einem Scheintod auszugehen habe, wie von allen angenommen wurde.

Luisa sagte einmal, daß sie im Gegensatz zu anderen Kreaturen „umgekehrt" auf die Welt kam. Sie verblieb in sitzender Haltung wie sie es ja auch zeitlebens gewesen war, und so mußte sie auch zu Grabe getragen werden und zwar in einem Sarg, der extra für sie angefertigt worden war: Die Seiten und der Teil des Hauptes waren aus Glas, so daß sie von allen gesehen werden konnte. Sie war wie eine thronende Königin, in weiß gekleidet, mit dem Fiat auf der Brust. Mehr als 40 Priester, bestehend aus dem Domkapitel und dem Ortsklerus, nahmen am Leichenzug teil. Schwestern trugen abwechselnd den Sarg auf ihren Schultern und eine unbeschreibliche Menschenmenge begleitete sie. Die Straßen waren hoffnungslos überfüllt, sogar Balkone und Dächer wurden von den Menschen bevölkert. Der Leichenzug kam nur mit Mühe voran. Die Beisetzungszeremonie der kleinen Dienerin des göttlichen Willens wurde in der Heimatkirche vom ganzen Domkapitel abgehalten. Die ganze Bevölkerung von Corato begleitete den Leichnam bis zum Friedhof. Jeder versuchte, eine Erinnerung in Form von Blumen, mit denen man den Sarg berührte, mit nach Hause zu nehmen. Einige Jahre später wurde der Sarg in die Pfarrkirche Santa Maria Greca übertragen.

Am Christkönigsfest des Jahres 1994 öffnete S. Exz. Msgr. Carmelo Cassati in der Heimatkirche in Anwesenheit einer großen Menschenmenge und von Vertretern aus dem Ausland offiziell den Seligsprechungsprozeß der Dienerin Gottes, Maria Luisa Piccarreta.

Bedeutsame Daten

1865 Am Weißen Sonntag, dem 23. April, wird Luisa Piccarreta in Corato in der Provinz Bari geboren. Ihre Eltern sind Nicola Vito und Rosa Tarantino. Sie hatten fünf Kinder: Maria, Rachele, Filomena, Luisa und Angela.

Wenige Stunden nach der Geburt wickelte sie ihr Vater in eine Decke und brachte sie zur Kirche, um sie taufen zu lassen. Ihre Mutter hatte keine Geburtswehen, als sie auf die Welt kam, ihre Geburt war also schmerzlos.

1872 Am Weißen Sonntag dieses Jahres empfing sie Jesus zum erstenmal in der heiligen Eucharistie und am selben Tag wurde ihr von Msgr. Giuseppe Bianchi Dottula, dem Erzbischof von Trani, das Sakrament der Firmung gespendet.

1883 Mit 18 Jahren sieht sie von ihrem Balkon aus Jesus unter dem Kreuz gebeugt, der zu ihr sagt: »Seele, hilf mir!«. Von diesem Moment an lebte sie zurückgezogen und in ständiger Vereinigung mit den unsagbaren Leiden ihres göttlichen Bräutigams.

1888 Sie tritt den Töchtern Mariens und dem Dritten Orden der Dominikaner bei. Sie nimmt den Namen „Schwester Magdalena" an.

1885-

1947 Sie war eine auserwählte Seele, eine engelsgleiche Braut Christi, demütig und fromm, von Gott mit außerordentlichen Gaben beschenkt, ein unschuldiges Opfer und der Blitzableiter der göttlichen Gerechtigkeit in den 62 Jahren, in denen sie ununterbrochen ans Bett gefesselt war. Sie war eine Künderin des Reiches des göttlichen Willens.

4. März

1947 Nach einem verdienstreichen Leben beendete sie im ewigen Licht des göttlichen Willens ihre Tage so, wie sie immer gelebt hatte, um mit den Engeln und Heiligen im ewigen Glanz des göttlichen Willens zu triumphieren.

7. März

1947 Vier Tage lang blieben ihre sterblichen Überreste aufgebahrt zur Verehrung der unübersehbaren Menge von Gläubigen, die zu ihrem Haus gekommen waren, um Luisa, die Heilige, ein letztes Mal zu sehen, die ihnen soviel bedeutete. Die Beisetzung war ein wahrer Triumph; Luisa wurde wie eine Königin, auf den Schultern ihres Volkes zu Grabe getragen. Der gesamte Ordens- und Weltklerus gab dem Leichnam Luisas das letzte Geleit. Das Requiem wurde in der Heimatkirche unter Anteilnahme des gesamten Domkapitels gehalten. Am Nachmittag wurde Luisa dann in der Privatkapelle der Familie Calvi beigesetzt.

3. Juli

1963 Ihre sterblichen Überreste wurden endgültig in der Kirche Santa Maria Greca beigesetzt.

20. Nov.

1994 Am Christkönigsfest des Jahres 1994 öffnete S. Exz. Msgr. Carmelo Cassati in der Heimatkirche in Anwesenheit einer großen Menschenmenge und Vertreter aus dem Ausland offiziell den Seligsprechungsprozeß der Dienerin Gottes Maria Luisa Piccarreta.

 

Photos

Das erste Sterbebildchen der Dienerin Gottes Luisa Piccarreta. Es wurde 1948 mit dem Imprimatur des Erzbischofs Fr. Reginaldo Addati O.P. veröffentlicht.

Beichtväter und Seelenführer

1. Pater Cosma Loiodice Ordensbruder und erster Beichtvater

2. Don Michele De Benedictis Beichtvater Luisas in ihrer Kindheit, 1884 von Bischof Giuseppe B. Dottula zu ihrem ersten offiziellen Beichtvater ernannt

3. Don Gennaro di Gennaro Pfarrer von San Giuseppe, Beichtvater von 1898 bis 1922; aus Gehorsam trug er der Dienerin Gottes auf, all das niederzuschreiben, was ihr Gott Tag für Tag offenbarte.

4. Pater Annibale Maria di Francia Von 1919 bis 1927 auf Anordnung des Bischofs außerordentlicher Beichtvater; kirchlicher Revisor der Schriften der Dienerin Gottes; er veröffentlichte einige Schriften, u.a. das L’Orologio della Passione

5. Msgr. Ferdinando Cento Apostolischer Nuntius und Kardinal der Heiligen Römischen Kirche

6. Don Francesco De Benedictis Beichtvater von 1922 bis 1926, Nachfolger von Don Gennaro di Gennaro

7. Don Felice Torelli Pfarrer von Santa Maria Greca

8. Don Cioccio Bevilacqua Vikar der Heimatkirche und gelegentlicher Beichtvater

9. Don Luca Mazzilli Vikar und gelegentlicher Beichtvater

10. Don Benedetto Calvi auf Geheiß von Erzbischof Msgr. Giuseppe Leo ständiger Beichtvater von 1926 bis 1947

Don Peppino Ferrara, gelegentlicher Zelebrant.

Don Vitantonino Patruno, gelegentlicher Zelebrant.

Don Clemente Ferrara, Erzpriester und gelegentlicher Zelebrant.

Don Cataldo Tota, Regens des Seminars von Bisceglie und Pfarrer der Kirche San Francesco.

Msgr. Michele Samarelli, Generalvikar von Bari.

Msgr. Ernesto Balducci, Generalvikar von Salerno.

Msgr. Luigi D’Oria, Spiritual des Regionalseminars von Molfetta und Generalvikar von Trani.

Auch viele andere Ordens- und Weltpriester, die hier nicht angeführt sind, suchten die Dienerin Gottes in gewissen Abständen und aus unterschiedlichen Gründen in ihrem Haus auf.

 

Photo

Don Benedetto Calvi, der letzte Beichtvater von Luisa Piccarreta.

Die Bischöfe

1 Msgr. Giuseppe Bianchi Dottula 1848-1892

2 Msgr. Domenico Marinangeli 1893-1898

3 Msgr. Tommaso de Stefano 1898-1906. [Luisa beginnt ihre Tagebücher zu schreiben].

4 Msgr. Giulio Vaccaro 1906, Administrator

5 Msgr. Francesco Carraro 1906-1915

6 Msgr. Giovanni Regime 1915-1918

7 Msgr. Eugenio Tosi 1918-1920, Administrator

8 Msgr. Giuseppe M. Leo 1920-1939

9 Msgr. Francesco Petronelli 1939-1947. Er starb am 16. Juni 1947, drei Monate nach dem seligen Hinscheiden von Luisa Piccarreta.

10 Msgr. G. M. Reginaldo Addazi 1947-1971. Er gab Luisa den Titel "Dienerin Gottes" und gestattete die Verbreitung einer kleinen Statue nebst einem Gebet.

11 Msgr. Giuseppe Carata seit 1971, emeritiert. Mit apostolischer Approbation leitete er nach einer Vorbereitung von zehn Jahren 1986 die Gründung der »Vereinigung des göttlichen Willens« in Corato ein. Gleichzeitig erteilte er auch auf Anregung von Kardinal Palazzini, dem Präfekten der Heiligsprechungskongregation, die Sammlung der Zeugenaussagen über die Dienerin Gottes ein.

12 Msgr. Carmelo Cassati, emeritiert. Er eröffnete den Seligsprechungsprozeß für Luisa Piccarreta am Christkönigstag 1994.

13 Msgr. Giovanni Battista Picchierri, derzeitiger Erzbischof von Trani. Ihm wurde die Fortsetzung des Seligsprechungsprozesses der Dienerin Gottes Luisa Piccarreta übertragen.

Liste der Schriften von Luisa Piccarreta

Daten der Tagebücher, die Luisa Piccarreta aus Gehorsam gegenüber ihren Beichtvätern verfaßt hatte.

Auch hinsichtlich ihrer Schriften sollte Luisa einzig und allein von den kirchlichen Behörden abhängen.

Höchst widerwillig, aber im Gehorsam ergeben, begann sie am 28. Februar 1899 zu schreiben.

Bände Daten

Band I und II vom 28. Februar bis 30. Oktober 1899

Band III vom 1. November 1899 bis 4. September 1900

Band IV vom 5. September 1900 bis 18. März 1903

Band V vom 19. März bis 30. Oktober 1903

Band VI vom 1. November 1903 bis 16. Januar 1906

Band VII vom 30. Januar 1906 bis 30. Mai 1907

Band VIII vom 23. Juni 1907 bis 30. Januar 1909

Band IX vom 10. März 1909 bis 3. November 1910

Band X vom 9. November 1910 bis 10. Februar 1912

Band XI vom 14. Februar 1912 bis 24. Februar 1917

Band XII vom 16. März 1917 bis 26. April 1921

Band XIII vom 1. Mai 1921 bis 4. Februar 1922

Band XIV vom 4. Februar bis 24. November 1922

Band XV vom 28. November 1922 bis 14. Juli 1923

Band XVI vom 23. Juli 1923 bis 6. Juni 1924

Band XVII vom 10. Juni 1924 bis 4. August 1925

Band XVIII vom 9. August 1925 bis 21. Februar 1926

Band XIX vom 23. Februar bis 15. September 1926

Band XX vom 17. September 1926 bis 21. Februar 1927

Band XXI vom 23. Februar bis 26. Mai 1927

Band XXII vom 1. Juni bis 14. September 1927

Band XXIII vom 17. September 1927 bis 11. März 1928

Band XXIV vom 19. März bis 3. Oktober 1928

Band XXV vom 7. Oktober 1928 bis 4. April 1929

Band XXVI vom 7. April bis 20. September 1929

Band XXVII vom 23. September 1929 bis 17. Februar 1930

Band XXVIII vom 22. Februar 1930 bis 8. Februar 1931

Band XXIX vom 13. Februar bis 26. November 1931

Band XXX vom 4. November 1931 bis 14. Juli 1932

Band XXXI vom 24. Juli 1932 bis 5. März 1933

Band XXXII vom 12. März bis 10. November 1933

Band XXXIII vom 19. November 1933 bis 24. November 1935

Band XXXIV vom 2. Dezember 1935 bis 2. August 1937

Band XXXV vom 9. August 1937 bis 10. April 1938

Band XXXVI vom 12. April bis 28. November 1938

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Die Dienerin Gottes, während der Abfassung ihrer Tagesbücher mit dem Blick auf das Kreuz gerichtet.

ZWEITES KAPITEL

Das Reich des Göttlichen Willens

 

»Und nun ein Wort an euch alle, die ihr diese Schriften lest … Ich bitte euch, ich flehe euch an, empfangt mit Liebe das, was Jesus uns geben will, nämlich seinen Willen.

Aber um euch seinen Willen zu geben, will er euren Willen haben, denn sonst kann sein Wille nicht regieren. Wenn ihr wüßtet … Mit dieser Liebe möchte euch mein Jesus das größte Geschenk geben, das es im Himmel und auf Erden gibt, nämlich seinen Willen!«.

Oh, wie viele bittere Tränen vergießt er, weil er sieht, daß ihr mit eurem Wollen über die ganze erbärmliche Erde streift! Ihr schafft es nicht, einen guten Vorsatz einzuhalten, und wißt ihr auch, warum? Weil sein Wille nicht in euch herrscht.

Oh, wie weint Jesus und seufzt über euer Schicksal! Schluchzend bittet er euch, daß ihr seinen Willen in euch regieren laßt. Er möchte, daß sich euer Schicksal ändert: Ihr sollt nicht mehr kranke Gesunde sein, nicht mehr arme Reiche, nicht mehr schwache Starke, nicht mehr launische Unüberzeugbare und nicht mehr versklavte Könige. Er will keine große Buße, keine langen Gebete oder ähnliches, sondern er will, daß sein Wille in euch herrsche und daß euer Wollen kein Leben mehr habe.

Bitte hört doch auf ihn, und ich bin auch bereit, mein Leben für einen jeden von euch zu lassen, jegliche Pein zu erdulden, wenn ihr ihm nur die Pforten eurer Seele öffnet, und der Wille meines Jesus über das Menschengeschlecht herrsche und triumphiere!

Wenn ihr doch bitte alle meine Einladung annehmen würdet: Kommt mit mir nach Eden, wo eure Ursprünge liegen, wo das höchste Wesen den Menschen erschuf, ihn zum König machte und ihm ein Reich zur Herrschaft gab. Dieses Reich war das ganze Universum, aber sein Szepter, seine Krone und seine Herrschaft kamen aus der Tiefe seiner Seele, wo sich das göttliche Fiat als herrschender König befand und das wahre Königtum im Menschen bildete. Seine Gewänder waren königlich und strahlender als die Sonne. Seine Taten waren edel und er war von atemberaubender Schönheit. Gott liebte ihn gar sehr und er freute sich an ihm. Er nannte ihn seinen kleinen König und seinen Sohn. Alles war Glückseligkeit, Ordnung und Harmonie.

Der Mensch, der unser Stammvater war, verriet sich selbst, er verriet sein Reich und da er nach seinem Willen handelte, verbitterte er seinen Schöpfer, der ihn doch über alles erhöht und geliebt hatte. Er verlor sein Reich, das Reich des Göttlichen Willens, in dem ihm alles gegeben worden war. Die Pforten des Reiches wurden geschlossen, und der Herrgott nahm das Reich wieder an sich, das er dem Menschen gegeben hatte. Nun hört, ich will euch mein Geheimnis erzählen.

Der Herrgott hat, als er sein Reich wieder an sich nahm, nicht gesagt, daß er dieses dem Menschen nicht wieder zurückgeben würde, sondern er hielt es nur unter Verschluß und wartete auf die kommenden Generationen, um sie mit überraschenden Gnaden zu überhäufen und sie mit hellem Licht zu überfluten, um den menschlichen Willen zu verdunkeln, der dazu führte, daß ein so heiliges Reich verloren ging. In herrlichem Anmut und wunderbarer Kenntnis des Göttlichen Willens wollte er ihn die Notwendigkeit und den Wunsch verspüren lassen, unser Wollen beiseite zu lassen, welches uns unglücklich macht. Er wollte uns zum Göttlichen Willen zurückbringen. Das Reich gehört also uns; deshalb habt Mut!

Das höchste Fiat erwartet uns, es ruft uns, es drängt uns, Besitz zu ergreifen. Wer würde es wagen, das abzulehnen, wer wäre so töricht, nicht auf seinen Ruf zu hören und soviel Glückseligkeit auszuschlagen?

Legen wir die ärmlichen Lumpen unseres Willens, das Trauergewand unserer Sklaverei ab, in welche dieser uns gestoßen hat. Lasset uns die königlichen Gewänder anlegen und uns mit göttlicher Zierde krönen!

Deshalb appelliere ich an alle: Hört mich an! Ich bin klein, die Kleinste unter den Kreaturen ... aber zusammen mit Jesus werde ich in seinem Göttlichen Willen ganz klein zu euch kommen und klagend und weinend an die Tür eures Herzens klopfen, um euch wie eine kleine Bettlerin um eure Lumpenkleider und eure Trauergewänder, um euren unglücklichen Willen zu bitten, damit ich alles Jesus geben kann. Er soll alles verbrennen und durch die Rückgabe seines Willens sein Reich, seine Glückseligkeit wieder errichten und die strahlende Reinheit seiner königlichen Gewänder wiederherstellen. Wenn ihr wüßtet, was der Wille Gottes bedeutet! Er beinhaltet Himmel und Erde. Wenn wir mit ihm sind, gehört uns alles und alles nimmt er von uns; wenn wir aber nicht mit ihm sind, ist alles gegen uns, selbst wenn wir etwas haben, sind wir wahre Diebe unseres Schöpfers und leben durch Betrug und Raub.

Wenn ihr ihn also kennenlernen wollt, lest diese Seiten. Dort werdet ihr den Balsam für eure Wunden finden, die uns auf grausame Weise der menschliche Wille zugefügt hat. Dort atmet ihr neue, göttliche Luft und erfahrt neues, vollkommen himmlisches Leben. Ihr werdet den Himmel in eurer Seele fühlen, neue Horizonte und neue Sonnen sehen, und oft werdet ihr Jesus mit tränenüberströmtem Antlitz sehen, der euch seinen Willen geben will. Er weint, weil er euch glücklich sehen will, weil er euch aber unglücklich sieht, seufzt und klagt er, er betet für die Glückseligkeit seiner Kinder. Indem er um euren Willen bittet, um euch des Unglücks zu entreißen, gibt er euch seinen Willen als Bestätigung für das Geschenk seines Reiches.

Deshalb appelliere ich an alle. Und diesen Appell entrichte ich zusammen mit Jesus, mit seinen Tränen, mit seinem so flehentlichen Seufzen, mit seinem brennenden Herzen, welches sein Fiat geben möchte. Wir haben das Fiat veräußerlicht, das Leben war uns gewiß, deshalb ist es rechtens und unsere Pflicht, daß wir uns wieder dieses Fiat verinnerlichen, denn es ist unser teures und unvergängliches Erbe.

In erster Linie appelliere ich an den Heiligen Vater, an Seine Heiligkeit, an den Vertreter der Heiligen Kirche und daher Vertreter des Reiches des Heiligen Willens. Zu seinen heiligen Füßen legt diese kleine Kreatur, dieses Reich nieder, damit er es bekannt mache und mit seiner väterlichen und respektvollen Stimme seine Kinder dazu berufe, in diesem so heiligen Reich zu leben. Das höchste Fiat möge über die erste Sonne des Heiligen Willens kommen und ihn, seinen Vertreter auf Erden formen. Möge er sein hehres Leben in Ihm, der das Haupt der ganzen Kirche ist, formen und seine unvergänglichen Strahlen über die ganze Erde verbreiten, alle mit der Strahlkraft seines Lichtes überfluten und so einen Schafstall und einen Hirten bilden!

Den zweiten Appell richte ich an alle Priester. Ihnen allen zu Füßen liegend bitte ich sie, ja, ich flehe sie an, daß sie sich für den Göttlichen Willen interessieren mögen und versuchen, ihn kennenzulernen. Ihnen rufe ich zu: Bezieht eure erste Tat und euren ersten Akt aus ihm, schließt euch gleichsam in das Fiat ein und ihr werdet fühlen, wie lieb und süß sein Leben ist. All euer Wirken wird aus ihm hervorgehen. Ihr werdet in euch eine göttliche Kraft verspüren, eine Stimme, die immer spricht und die euch wunderbare, nie zuvor gehörte Dinge sagen wird. Ein Licht werdet ihr verspüren, das alle Übel verdunkeln wird, es wird die Völker bewegen und euch die Herrschaft über sie geben.

Wie sehr müht ihr euch ab, ohne dabei Früchte zu bringen, weil euch das Leben des Göttlichen Willens fehlt! Ihr habt für die Völker ein Brot gebrochen, das nicht mit dem Sauerteig des Fiat durchwirkt war, deshalb haben sie es hart gefunden, als sie es aßen. Es war beinahe unverdaulich, und da sie das Leben nicht verspürten, haben sie sich euren Lehren nicht unterworfen. Eßt ihr daher dieses Brot des Göttlichen Fiat und ihr werdet mit allen sein Leben und einen einzigen Willen bilden.

Den dritten Appell richte ich an die ganze Welt, an alle meine Brüder und Schwestern, an alle meine Kinder. Wißt ihr, warum ich euch alle rufe? Weil ich allen das Leben des Göttlichen Willens geben möchte! Das ist mehr als die Luft, die wir alle atmen; es ist wie die Sonne, von der wir alle das wohltuende Licht erhalten; es ist wie der Herzschlag, der sich in uns allen regt; und ich, das kleine Mädchen möchte und erflehe, daß ihr alle das Leben des Fiat erfahrt! Wenn ihr nur wüßtet, wieviel Gutes ihr erfahren würdet, dann würdet ihr euer Leben hingeben, um seines in euch allen herrschen zu lassen!

Dieses kleine Mädchen möchte euch noch ein anderes Geheimnis verraten, das Jesus ihm anvertraut hat. Ich sage es euch, damit ihr mir euren Willen gebt und dafür den Göttlichen Willen erhaltet, der euch an Leib und Seele glücklich machen wird.

Wollt ihr wissen, warum die Erde nichts hervorbringt, warum an so vielen Orten auf dieser Welt sich die Erde sooft durch Erdbeben auftut und in ihrem Schoß Städte und Menschen begräbt? Wollt ihr wissen, warum Wind und Wasser aufbrausen und alles verwüsten, warum so viele, uns allen bekannte Übel existieren?

Weil die geschaffenen Dinge dem Göttlichen Willen entspringen, der sie beherrscht, sind sie mächtig und gebietend; sie sind edler als wir, weil wir von einem menschlichen Willen beherrscht werden und daher degradiert, schwach und machtlos sind. Wenn wir aber um unseres Schicksals willen den menschlichen Willen ablegen und das Leben des Göttlichen Willens annehmen, werden auch wir stark und gebietend sein; wir werden Brüder der ganzen Schöpfung werden, die uns nicht nur nicht mehr belästigt, sondern die uns die Herrschaft über sich abtritt, und wir werden glücklich sein in der Zeit und in der Ewigkeit!

Seid ihr zufrieden? Also, dann beeilt euch: Hört auf diese arme Kleine, die euch so gerne hat. Dann werde auch ich zufrieden sein, wenn ich sagen kann, daß alle meine Brüder und Schwestern Könige und Königinnen sind, da alle das Leben des Göttlichen Willens besitzen!

Nur Mut, antwortet doch auf diesen Aufruf.

Ja, ich seufze, bis alle mir im Chor antworten, zumal es nicht ich bin, die euch ruft, sondern mein süßer Jesus selbst ruft euch mit zarter und anrührender Stimme. Oft sagt er uns weinend: »Nehmt meinen Willen als euer Leben an; kommt in das Reich meines Willens«.

Wisset, daß der Erste, der den himmlischen Vater darum bat, daß sein Reich komme und sein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden, unser Herr war, als er sagte: Pater Noster, und uns sein Gebet übermittelte. Damals appellierte er an uns und bat uns, wir mögen alle beten: »Fiat Voluntas Tua sicut in coelo et in terra«.

Deshalb ist Jesus jedesmal, wenn ihr das Vaterunser betet, von dem Wunsch beseelt, euch sein Reich, sein Fiat zu schenken, damit wir gemeinsam sprechen können: »Mein Vater, ich bin es, der dich darum bittet für meine Kinder, beeilt euch«. So ist also Jesus selbst der erste, der um etwas bittet, und dann erst bittet auch ihr, wenn ihr das Vaterunser betet. Ist euch das nicht recht?

Ein letztes Wort.

Wisset, daß dieses kleine Mädchen beim Anblick Jesu, der euch unter Tränen und in Ungeduld sein Reich und sein Fiat geben möchte, selbst ungeduldig wird, seufzt und sich gedrängt fühlt, weil es euch alle im Reich des Göttlichen Willens und glücklich sehen will, damit auch Jesus lächelt. Und wenn es ihr nicht durch Gebet und Tränen gelingt, wird sie es sowohl bei Jesus als auch bei euch auf andere kapriziöse Weise versuchen.

Hört also auf dieses kleine Mädchen, laßt sie nicht mehr seufzen, sagt ihr doch gnadenhalber: »So soll es sein, ja, so soll es sein …wir wollen alle das Reich des Göttlichen Willens. Fiat«.

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Einige unveröffentlichte Gebete

Ich schließe mich in dein Wollen ein

Mein Jesus, ich schließe mich in Dein Wollen ein, auf daß ich mit Deinem Atem atme, um so mit dem Atem aller zu atmen und sie umzuwandeln in viele liebevolle Küsse.

Mein Herz lasse ich in Deinem Willen schlagen, um Dir mit jedem Herzschlag zu sagen: »Ich liebe Dich, ich liebe Dich«. In deinem Willen lasse ich Dir die Umarmung aller zukommen, auf daß eng von Deinen Armen umschlungen Dich niemand mehr beleidige und Dich alle lieben, Dich anbeten, Dich benedeien und alle Deinen Heiligen Willen tun.

Du bist meine Führung

Mein süßer Jesus, schließe mich in Deinen Willen ein, damit ich nichts anderes sehe, fühle und berühre, als Deinen Heiligen Willen. O Jesus, mögen mit seiner Macht und in meinen Taten Heilige herangebildet werden, um Himmel und Erde mit heiligem Leben zu erfüllen.

O Mutter und Königin, sei Du meine Führung, meine Meisterin, und lasse nicht zu, daß ich auch nur einen Atemzug ohne den Göttlichen Willen tue.

Nimm meinen Willen

Mein Jesus, gib mir Deinen Willen und nimm den meinen, damit ich mich heilige mit Deiner Heiligkeit, liebe mit Deiner Liebe, damit mein Herz mit dem Deinen schlage, ich mit Deinen Schritten wandle, mit Deiner Huld wiedergutmache und mit meinem Wort Jesus in den Herzen jener heranbilde, die mir zuhören.

O Königin und Mutter, berge mich unter Deinem Mantel, um vor allem und allen geschützt zu sein.

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Eines der vielen Gebete, das die Dienerin Gottes gerne zusammen mit Heiligenbildchen verteilte; das handgeschriebene Gebet befindet sich auf der Rückseite des Heiligenbildchens.

DRITTES KAPITEL

Die von der Epilepsie Geheilte

Tante Rosaria wurde am 4. April 1898 als letztes Kind einer kinderreichen Familie geboren. Sie war den Worten meiner Großmutter zufolge die Einzige der Familie, der das Glück nicht gerade hold war, da sie unter epileptischen Anfällen litt. Außerdem wurden ihr aufgrund eines banalen Unfalls auch noch die ersten Glieder des Mittelfingers, des Ringfingers und des kleinen Fingers der rechten Hand amputiert.

Meine Großmutter brachte sie in der Hoffnung auf eine Heilung zu Luisa, zu der immer eine Gruppe von Mädchen kam, die bei ihr die Kissenstickerei erlernten. Sie bat Luisa, sie in die Gruppe aufzunehmen, damit sie diese Tätigkeit erlernen könne.

Tante Rosaria war damals gerade neun Jahre alt, obwohl sie älter aussah. Es war im Januar 1907, ein ziemlich kaltfeuchter Tag. Luisa war bereits in ganz Corato bekannt und alle nannten sie nur Luisa, die Heilige. Sie lebte nicht nur ein heiligmäßiges, von allen geachtetes Leben, sondern sie war auch in der Gesellschaft tätig, denn sie hatte bei sich zu Hause eine Stickschule eingerichtet, die damals in sozialer Hinsicht sehr förderlich war für viele Mädchen, die den häuslichen oder landwirtschaftlichen Bereich verlassen hatten.

Die Begegnung kam folgendermaßen zustande:

Es war gegen zehn Uhr, als meine Großmutter sich mit meiner Tante zu Luisa in die Via Nazario Sauro, auch Via dell’Ospedale genannt, begab Luisas Mutter, schon sehr betagt, öffnete die Tür, unterhielt sich ein wenig mit meiner Großmutter und fragte nach einigen Verwandten

Als das Gespräch zuende war, begleitete Luisas Mutter die beiden in das Zimmer der Tochter, die im Bett sitzend den Mädchen Stickunterricht erteilte.

Angelina, die Schwester Luisas, hieß die Mädchen hinaus gehen, brachte einen Stuhl, auf dem sich meine Großmutter niederließ, und die beiden begannen miteinander zu sprechen.

Folgendes bezeugte meine Tante: »Beide sprachen über die verschiedensten Dinge, an die ich mich nicht genau erinnere. Sie sprachen wie zwei alte Freundinnen, die sich seit langem nicht gesehen hatten. Schließlich gab meine Mutter Luisa einen Abschiedskuß und ging weg. Ich kapierte, daß die beiden auch über mich gesprochen hatten und daß Luisa der Bitte meiner Mutter stattgab. Als ich dann mit Luisa alleine war, schaute sie mir mit gütigem Blick tief in die Augen, als wolle sie mich ermutigen. Ich hatte nichts von all dem vermutet, was mir anschließend widerfuhr, daß ich nämlich ununterbrochen für vierzig Jahre an ihrer Seite bleiben sollte«.

Einige Tage später, als der erste Stickunterricht gerade begonnen hatte, erlitt meine Tante überraschend einen Epilepsieanfall. Meine Tante hatte nie von diesem Vorfall gesprochen, denn sie war eher zurückhaltend und reserviert, was Luisa anbelangte. Sehr selten sprach sie zuhause von ihr. Diesen Vorfall hatte mir meine Mutter erzählt, die es von einer Freundin erfahren hatte, die dabei gewesen war.

Sobald meine Tante zu Boden fiel und ihre Zunge aus dem Mund hing, der durch die Epilepsie voller Schaum war, erschraken die anwesenden Mädchen sehr und liefen davon. Luisas Schwester Angelina aber kam meiner Tante zu Hilfe. Luisa verlor keineswegs die Fassung, es war, als würde sie der Vorfall überhaupt nicht interessieren, und sie setzte ihre Arbeit fort. Ein Mädchen, das trotz ihres Erschreckens im Zimmer geblieben war, bezeugt: »Als Luisa Rosaria am Boden sah, hob sie ihre Augen zum Himmel und sprach folgende Worte: „Herr, wenn du sie mir geschickt hast, dann möchte ich, daß sie gesund ist". Dann setzte sie ihre Arbeit fort«. Aufgrund des großen Wirrwarrs gab keiner auf Luisas Gebet acht.

Ob dieses Gebet nun der Wahrheit entspricht oder nicht, Tatsache ist, daß Tante Rosaria fortan keine epileptischen Anfälle mehr hatte. Sie wurde 80 Jahre alt und starb an zu hohem Blutzucker (so lautete zumindest die Diagnose). Nur anderthalb Tage lag sie auf dem Sterbebett

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Luisa Piccarreta liest in der Heiligen Schrift.

Die Klingel der Zwietracht

Tante Rosaria war auch am Familienbesitz beteiligt, aber sie hatte praktisch auf die Hälfte ihres Erbes zu unseren Gunsten verzichtet, was damals von beträchtlichem Ausmaß war, denn wir waren eine große Familie – sechs Kinder, alle Schüler. Sie kam fast jeden Tag zum Essen zu uns und fühlte sich als Herrin der Situation. Die Arbeit, die unsere Tante bei uns verrichtete, war sehr wertvoll, besonders im häuslichen Bereich: Sie half in der Küche, deckte den Tisch und räumte, bevor sie wegging, wieder ab.

Ihre Mithilfe wurde von allen geschätzt, denn meine Mutter war Lehrerin und wir waren alle Schüler und konnten uns daher nur schwerlich am Haushalt beteiligen. Die wenigen Male, die unsere Tante nicht kam, entstand ein großes Durcheinander und Hektik. Ich erinnere mich, daß Tante Rosaria immer schon da war, wenn wir aus der Schule kamen, um uns anzuspornen, uns die Hände zu waschen und mit uns zu beten, bevor wir zu essen begannen.

Ab und zu allerdings erschien sie uns etwas seltsam, was unsererseits, besonders aber seitens meiner Mutter zu Kritik führte. Ihr Benehmen erschien uns unverschämt, herausfordernd, als wolle sie uns zeigen, daß sie die Hausherrin ist.

Das hing natürlich auch mit ihrem starken, überbetonten Charakter zusammen, der schwerlich ein Vertrauensverhältnis zuließ.

Ihre Anwesenheit erzeugte bei uns allen eine gewisse Verlegenheit. Keiner traute sich, irgend etwas unkorrektes zu sagen, und sie ging auch kaum auf unsere Wünsche ein. Sie hat uns niemals Geschenke oder Geld gegeben. Dazu war sie höchstens bereit, wenn wir signalisierten, daß wir zur Beichte oder zur Kirche gehen würden, besonders zur abendlichen Andacht, bei der sie niemals fehlte. Sie ging regelmäßig in die Kirche Santa Maria Greca und ihr Stammplatz war in der Sakramentskapelle wo sie immer in derselben Ecke kniete. Wenn wir sie aus familiären Gründen suchten, dann war sie entweder bei Luisa oder aber sie kniete in der Kirche immer auf demselben Platz.

Eines Tages fragte ich sie: »Tun dir die Knie nicht weh?«. Sie lächelte, antwortete aber nicht darauf, sondern sagte: »An diesem Platz kniete immer Luisa, als sie noch zur Kirche gehen konnte. Dort sprach sie mit Jesus«.

Diese seltsame Weise zu reagieren störte uns; auch zuhause ließ sie des öfteren solche schwerwiegenden Sätze vernehmen. Die Gründe für Familienstreitigkeiten besonders zwischen meiner Mutter und Tante Rosaria waren folgende:

Oft stand unsere Tante während des Essens eilig auf, zog ihren Mantel an und ging weg.

Oder man diskutierte über wichtige Familienangelegenheiten, und sie würgte einfach das Gespräch ab und klinkte sich aus. Diese ihre Art machte uns alle des öfteren sprachlos, weil es dafür einfach keine logische Erklärung gab. Tante Rosaria wurde daher als falsch und heuchlerisch eingestuft, und meine Mutter sah ihren Stolz als Hauptgrund für dieses Verhalten an. Nur mein Vater, der eine besondere Zuneigung zu seiner Schwester hatte, wirkte ausgleichend und nahm sie auch immer in Schutz, was natürlich den Zorn meiner Mutter heraufbeschwor, die sich beleidigt und hinsichtlich ihrer Klagen über die Tante zu wenig beachtet fühlte.

Wir Kinder hielten zu unserer Mutter, und Tante Rosaria war für uns das schwarze Schaf der Familie. Sie war die Zielscheibe für unsere Lästereien. Unsere Mutter mußte sogar eingreifen, um uns in unserem Übermut zu bremsen. Aber trotz allem hatte meine Mutter hohen Respekt vor Tante Rosaria, und sie ermahnte uns: »Denkt immer daran, daß sie eine geweihte Seele ist«.

Was uns wohl am meisten störte, war, daß Tante Rosaria Tags darauf zu uns kam, als sei nichts geschehen und sie antwortete auch nicht auf die Erklärung, die meine Mutter für ihr Verhalten verlangte.

Als ich dann schon Priester war und meine Tante mittlerweile sehr alt und von der ganzen Familie ob ihres Alters in Ehren gehalten, fragte ich sie einmal, warum sie denn immer so reagiert habe. Sie antwortete mir: »Möchtest du das wirklich wissen? Interessiert dich das so sehr«. »Ja«, antwortete ich ihr.

Sie begann zu erzählen: »Ich habe sehr viel unter dem Unverständnis gelitten, das waren schreckliche Prüfungen, denen mich der Herr unterzog, um eine würdige Betreuerin Luisas zu sein. Sie verbrachte viele Stunden des Tages im Gebet. Ich ahnte immer, wenn sie allein gelassen werden wollte, und ohne etwas zu sagen, stand ich von der Stickarbeit auf, nahm ihre Stickereien, legte sie auf den Tisch, ließ alle aus dem Zimmer gehen, schloß die Bettvorhänge und ihr Zimmer, beendete die Arbeit und machte im Nebenzimmer in aller Stille weiter. Es vergingen viele Stunden und als ich dann die Glöckchen hörte, ging ich alleine in Luisas Zimmer hinein, öffnete die Bettvorhänge, brachte ihr die Stickereien zurück, so daß alle sie beim Eintritt ins Zimmer vorfanden wie bisher, nämlich mit der Arbeit beschäftigt. Auch wenn sie morgens im Bett so gegen drei oder vier Uhr läutete, hörte das nur ich. Ihre Schwester Angelina murrte dann immer etwas, weil sie jedesmal aufwachte, wenn ich aufstand. Dann ging ich in Luisas Zimmer und fand sie wie tot vor, sie gab kein Lebenszeichen von sich und bewegte sich nicht. Ich machte ihr Haar zurecht und richtete die Rückenkissen wieder her, die öfters am Boden lagen. Es war sehr auffällig, daß drei Kissen unter ihrer Schulter lagen …, auf denen Luisa aber nie direkt lag, sondern sie füllten nur die Lücke zwischen ihr und der Bettlehne aus. Sobald ich mit Luisa fertig war, richtete ich den Altar für die Heilige Messe her. Als der Priester kam, ließ ich zuerst nur ihn allein ins Zimmer. Er machte ein Kreuzzeichen über sie und holte sie so ins Leben zurück. Als Luisa wieder ihren Normalzustand erlangt hatte, kamen alle herein, um an der Heiligen Messe teilzunehmen, selbst der Ministrant fehlte nie. Luisa nahm wie verzückt und in großer Ehrfurcht an der Messe teil, sie antwortete in perfektem Latein. Nach der Kommunion gingen alle weg, und Luisa versank in langem und tiefem Dankgebet, das manchmal mehr als eine Stunde dauerte. Gegen neun Uhr läutete sie das Glöckchen und wir betraten alle das Zimmer, um mit der Arbeit zu beginnen. Ich arbeitete neben Luisa und wir benutzten dasselbe Material. Auch half ich bei Luisas Arbeit nach, denn oft hatte sie zu locker geknüpft, da sie nicht die Kraft besaß, die Fäden straff zu ziehen und außerdem große Schmerzen in den Händen hatte, denn sie war ja stigmatisiert«.

An dieser Stelle unterbrach ich sie und sagte: »Ich habe aber nie die Wundmale auf den Händen gesehen!«.

Sie sagte: »Natürlich, denn diese Wunden sind innerlich, und nur ich und einige andere haben sie gesehen. Darunter waren die Beichtväter und die Schwestern Cimadomo und mir scheint, auch ihre Nichte Giuseppina. Wenn man Luisas Hand im Licht betrachtete, konnte man die innere Durchbohrung sehen. Nachts, wenn ich ins Zimmer kam, war sie oft voller Blut. Aus den Händen, Füßen und aus der Seite quoll Blut hervor und durchdrang das Hemd, das sie trug. Manchmal tropfte das Blut auch zu Boden, und nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Gesicht war voller Blut. Sie glich einem Kruzifix. Anfangs erschrak ich und glaubte, sie sei verblutet. Ich holte Handtücher, um sie zu säubern, aber als ich zurückkam, war sie wieder ganz sauber, bis auf das Leintuch. Alles war weg. Dieses Phänomen ereignete sich zwei- bis dreimal im Jahr«.

»Ja hast du denn niemals darüber gesprochen?« fragte ich sie.

»Nein« - sagte sie - »nur Don Benedetto Calvi wußte davon. Er verbot mir strengstens, darüber zu sprechen und sagte, er würde mir die Absolution verweigern, wenn ich so unklug sei, es jemandem zu erzählen. Ich sei die einzige, die davon wüßte, was Luisa mir hoffentlich nicht übel nahm«.

Dann schwieg sie einen Moment und fuhr fort: »Bitte erzähl das nicht herum«.

Ich hatte den Eindruck, als hätte sie bereut, mir davon erzählt zu haben, und es war auch tatsächlich das erste Mal, daß sie davon erzählte.

Das ist nur eines der vielen Phänomene aus Luisas Leben, das unbekannt blieb.

Nach einer langen Pause fuhr meine Tante fort: »Allgemein arbeitete Luisa nur für Kirchen; sie stellte Altardecken, Alben und Chorröcke für Priester her. Wenn man sie eindringlich darum bat, stellte sie auch ab und zu Bettüberzüge für junge Paare her. Luisas Schwäche war die Heiligung der Familien, und viele Jungvermählte kamen zu ihr, um Rat zu suchen. Wieviel Gutes hat sie getan, und wie viele Familien hat sie vor dem Ruin bewahrt! Wenn Luisa ins Gebet versank, verließ ich das Haus, und wenn ich kurz darauf wiederkam, läutete die Glocke, dann war ich immer beruhigt. Wenn ich manchmal fort mußte, vertrat mich ihre Nichte Giuseppina. Wenn ich dann aber in der Kirche, zuhause oder bei Freunden ihre Glocke hörte, ließ ich alles stehen und liegen – auch das Mittagessen – und eilte zu Luisa. Dafür wurde ich nicht nur von meiner Familie als komisch betrachtet. Erklären konnte ich das aber nicht, denn die Glocke hörte nur ich, und wenn ich das den anderen erzählt hätte, dann hätten sie mich für verrückt erklärt. Deswegen schwieg ich, und wenn man mich nach meinem seltsamen Verhalten fragte, versuchte ich immer, auszuweichen oder tat so, als ob ich nicht gehört hätte. All das hat mich in eine leidvolle Situation gebracht, und oft kam ich völlig außer Atem zu Luisa, aber sie war noch im Gebet versunken«.

» Wer hat dann immer geläutet?«, fragte ich.

»Das weiß ich nicht«, gab sie zur Antwort.

»Und was sagte Luisa?«.

»Nichts«.

»Und du, was hast du dann gemacht?«

»Ich kniete neben ihrem Bett nieder und betete«.

»Hast du denn nichts bemerkt, während Luisa betete, und stimmt das, was man sich erzählt, daß Luisa oft während des Gebetes in der Luft schwebte?«.

»Darüber darf ich nicht sprechen, Luisa hat mir das immer verboten. Nur ihr Beichtvater wußte über alles Bescheid, er kannte all diese außerordentlichen Phänomene Luisas. Sie selbst tat immer, als ob nichts geschehen sei, auch verlor sie nie ein Wort darüber. Alles sollte der Autorität des Priesters unterliegen, und nur er hatte zu entscheiden, ob solcherlei Phänomene bekannt werden durften. Luisa tat und schrieb nichts ohne die Erlaubnis ihres Beichtvaters, so sehr ergab sie sich der kirchlichen Autorität, daß nichts bekannt oder geschrieben werden durfte, ohne deren Zustimmung. Auf dieser Linie hätte man alles über Luisa erfahren können; es ist auch alles in ihren Schriften enthalten«.

Ich fügte hinzu: »Aber ihre Schriften können gar nicht alles über ihr Leben aussagen, weil dies viel zu komplex ist«.

»Das stimmt« - sagte sie - »vieles könnte ich erzählen, wovon niemand weiß«.

»Und warum willst du dann partout nichts sagen?«

»Wenn Luisa das gewollt hätte, dann hätte sie das auch aufgeschrieben oder die Kirche hätte angeordnet, diese Dinge niederzuschreiben. Natürlich sind viele Phänomene, deren Zeugen einige Menschen und ich sind, nicht zur Heiligung der Seelen geeignet. Der Herr hat zugelassen, daß all das, was für die Kirche und das Seelenheil von Nutzen ist, auch bekannt würde, das übrige brauchen wir nicht zu wissen. Wenn ich darüber spreche, dann komme ich mir so vor, als zerstörte ich die Intimität, die zwischen Luisa und Gott entstanden war. Die Menschen würden das nicht verstehen. Die Botschaft, die uns Luisa hinterlassen hat, überwiegt ihre eigene Person. Luisa wollte, daß nur dem Herrn Ehre und Herrlichkeit zukomme, ihre Person sollte im Nichts verschwinden, deshalb liebte sie auch die Einsamkeit und das Schweigen. Es war ihr äußerst lästig, wenn sie merkte, daß sie bei den Leuten zum Gegenstand der Verehrung wurde, denn sie betrachtete sich nur als eine arme Kranke und Bedürftige. Wir alle wußten sehr wohl, daß Luisa gar nichts brauchte, und wir sollten die Hüter ihres Geheimnisses sein. Wie oft habe ich Luisa morgens schon völlig gerichtet vorgefunden, auch der Altar war schon für die Messe gedeckt und die Kerzen angezündet«.

»Aber wie war das möglich, wenn Luisa doch 70 Jahre lange keinen Fuß auf die Erde gesetzt hat? Bist du wirklich sicher, was du da sagst?«.

»Ganz sicher, denn nur ich habe ja ihr Zimmer betreten«.

»Hast du nie nach einer Erklärung gesucht?«.

»Ich dachte, die Engel hätten ihr vielleicht gedient, besonders ihr Schutzengel, den sie besonders verehrte. Oft war auch ihr Zimmer mit Duft erfüllt«.

»Haben den die anderen diesen Duft auch gerochen?«.

»Ja, alle, die zur Heiligen Messe kamen. Ich weiß noch, wie einmal Don Cataldo De Benedictis, der ohne die Anwesenheit des Beichtvaters die Messe las, sagte: „Bitte sprüht kein Parfüm im Zimmer, ich krieg sonst Kopfweh". Ich versicherte ihm, daß niemand Parfüm gesprüht habe, aber er wollte mir nicht glauben«.

»Stimmt es, daß Luisa alles, was sie gegessen hatte, wieder erbrach?«.

»Ja, das wußten aber alle, weil Luisa nur vom Willen Gottes leben sollte. Aber viele glaubten das nicht und meinten, sie würde schon irgend was zu sich nehmen«.

»Das habe ich selbst mehr als einmal gesehen, als ich dich bei Luisa besuchen kam«.

»Was willst du dann noch wissen. Viel Essen wurde damals weggeworfen, und wie du weißt, herrschte damals große Not. Darauf habe auch ich Luisa aufmerksam gemacht, auch wenn ihre Portionen sehr gering waren, einen Säugling hätte man damit nicht ernähren können. Ihre Antwort war: „Üben wir Gehorsam". Ihre Beichtväter waren in diesem Punkt auch tatsächlich unbeweglich, hart und bestanden weiterhin darauf. Ich glaube es gab auch eine präzise Order vom Bischof. Einmal sagte ein Beichtvater zu mir mit lauter Stimme: Sie muß jeden Tag etwas essen, und alle sollen wissen, daß sie ißt, sonst wird man Wächter vor ihrer Türe postieren müssen, wie man es bei Teresa Neumann getan hat, was einen Medienwirbel verursachen würde«.

»Trank sie denn Wasser oder nahm sie andere Flüssigkeiten zu sich?«.

»Ich habe ihr nie Wasser zu trinken gegeben. Sie trank nur bitteren Mandelsaft, den ihr die Schwestern Cimadomo immer brachten. Manchmal hat auch deine Schwester Isa diesen Saft zubereitet; die Mandeln hatte sie von Tante Nunzia«.

»Sind denn Bittermandeln nicht giftig? Und schadet das auf die Dauer nicht dem Organismus?«.

»Das weiß ich nicht, aber ich kann ganz sicher behaupten, daß es die einzige Flüssigkeit war, die sie ohne zu erbrechen zu sich nahm«.

»War der Saft wenigstens gezuckert?«.

»Nein« - antwortete sie - »nun ist es aber genug, ich habe fast alles gesagt, was ich sagen kann und was ja auch alle wissen«.

»Aber ich würde gerne noch mehr wissen!«.

»Nein, du bist nur neugierig. Wenn Luisa das will, werde ich dir noch vieles erzählen können, und dann werde ich dich rufen«.

So endete mein Gespräch mit Tante Rosaria. Das war am 15. Oktober 1970.

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Rosaria Bucci lebte 40 Jahre lang bei Luisa Piccarreta.

Eine perfekte Stickerin

Tante Rosaria wurde trotz ihrer Verstümmelung an der Hand zum Erstaunen aller eine perfekte Kissenstickerin. Sie besserte die Arbeit Luisas nach und wurde zur Lehrerin der Mädchen, die kamen, um das Sticken zu erlernen. Außerdem wurde sie unentbehrlich, so daß sie nach dem Tod von Luisas Eltern auch zur Hausgouvernante wurde. Sie nahm Aufträge entgegen und schloß Arbeitsverträge ab. Niemandem verriet sie jedoch, welche Stickereien von Luisa stammten, denn die Dienerin Gottes wollte nicht, daß ihre Arbeiten in besonderer Weise bewundert würden. Nach Luisas Tod wurde die Stickerei nicht etwa eingestellt, denn Tante Rosaria hielt die von Luisa ins Leben gerufene Sticktradition aufrecht. Alle betrachteten es als ein regelrechtes Wunder, daß Tante Rosaria zu einer perfekten Stickerin wurde, denn ihre körperliche Behinderung hätte ihr eigentlich nicht gestattet, eine so schwierige Arbeit, wie die Kissenstickerei auszuführen. Für Arbeiten, die Millionen gekostet hätten und Jahre der Anfertigung in Anspruch nahmen, wurden nur bescheidene Summen in Rechnung gestellt. Daher beschwerten wir Neffen und Nichten uns bei Tante Rosaria, aber sie antwortete nur: »Das Geld interessiert nicht so sehr, wichtig ist nur, daß wir etwas zum leben haben«. Tante Rosaria erzählte uns auch, daß Luisa es strengstens verboten hatte, irgendwelches Geld, besonders Spenden anzunehmen. Wenn aber doch zufällig einmal auf brieflichem Wege Geld eintraf, ließ sie es postwendend an den Absender zurückgehen. Luisa vertrat den Standpunkt, daß das, was sie hatte, eigentlich schon zu viel sei und daß sie nichts brauche. Das bißchen Geld, das von der Arbeit stammte, war genug, daß Luisa Tante Rosaria und Angelina, die Schwester Luisas davon leben konnten. Typisch war auch die Antwort, die Luisa dem seligen Annibale gab, als dieser ihr die Urheberrechte für ihre Schriften zukommen lassen wollte: »Ich habe keine Rechte, denn das was ich geschrieben habe, stammt nicht von mir«, und sie lehnte dabei auch das ihr angebotene Geld ab.

Die geheimnisvollen Wunden

Ungefähr im Jahre 1940 bekam Tante Rosaria, eine robuste und völlig gesunde Frau, plötzlich Wunden, ohne daß sie Schmerz dabei empfand. Doch diese wurden mit der Zeit immer größer und eitriger. Besonders auffällig waren zwei große Wunden, zwei große geschwollene Furunkel am Kinn. Sie waren immer voller Eiter, der sogar ab und zu beim Mittagessen in ihren Teller tropfte. Dies waren sehr peinliche Situationen, und ich ekelte mich sehr, so daß ich gerne vom Tisch aufgestanden wäre, aber meine Mutter hielt mich immer fest und kniff mich mitunter, um keine peinlichen Situationen hervorzurufen. Da Tante Rosaria Mitbesitzerin der Familiengüter war, kam sie öfters zum Essen zu uns. Ihre über den ganzen Körper, besonders aber auf der Brust und an den Schultern verteilten Wunden verarztete meine Mutter liebevoll. Sie forderte die Tante auf, nach Bari zu einem Spezialisten zu gehen. Eines Tages kam sie plötzlich völlig geheilt zum Mittagessen. Wir waren alle völlig überrascht. Die Wunden waren alle vernarbt. Keiner traute sich, etwas zu sagen. Als sie weggehen wollte, sagte mein Vater, der gerade alte und neue Familiengeschichten aufwärmte: »Diese Frau hat uns immer mit Neuigkeiten überrascht«, womit er Luisa meinte. Auch er verehrte Luisa, und auf seinem Totenbett drückte er ihr Hemd an sich, es war dasselbe Hemd, das meine Mutter in ihrer eigenen Todesstunde trug.

Was aber ist mit meiner Tante passiert?

Sie erzählte es mir während einer meiner Besuche, als ich noch Pfarrer im Konvent von Barletta war.

Meine Tante ging auf Geheiß meiner Mutter nach Bari zu einem Dermatologen. Die Diagnose war schrecklich. Der Arzt sagte zu ihr: »Das sind Krebswunden, die sich immer mehr über den Körper verteilen werden. Sie haben so etwas wie Lepra, eine sehr seltene Krankheit«.

Man stelle sich nur einmal die Verfassung meiner Tante vor, als sie diese Worte hörte. Sie irrte daraufhin Stunden lang in Bari umher und kehrte dann zu Luisa zurück. Dort schüttete sie erst einmal der Dienerin Gottes ihr Herz aus und sagte: »Ich bin immer bei dir, und du läßt solche Dinge zu? Ich habe keine Kinder, die für mich sorgen«. Luisa ließ sie reden und sagte dann: »Rosaria, Rosaria ... du bist zu allen Ärzten gegangen, aber den einzigen wahren Arzt hast du verschmäht«. Als Rosaria das hörte, nahm sie sofort die Medikamente, die Geräte und die Watte und warf alles vom Balkon herunter (all das geschah im Haus in der Via Maddalena, wo sie damals wohnten). Dann sagte sie: »Nun vertraue ich mich dem Herrn und deinen Gebeten an«. Bevor sie zu Bett ging, rief sie Luisa zu sich, ließ sie neben ihrem Bett niederknien, und beide beteten sehr lange. Dann ging meine Tante zu Bett. Sie schlief in einem Ehebett zusammen mit Angelina. Noch in der selben Nacht merkte die Tante eine Besserung am ganzen Körper. Als sie am anderen Morgen aufstand, sah sie, daß alle Wunden getrocknet und leicht verkrustet waren. Noch am selben Tag verschwanden sie. Sie war völlig geheilt. Das Gerücht eines Wunders verbreitete sich, doch niemand traute sich, offen darüber zu reden. Alle wußten aber, daß hier Luisa ihre Hand im Spiel hatte. Sie wollte jedoch nicht, daß man solche Phänomene ihrer Person zuschrieb. »Ich kann keine Wunder wirken, das macht nur unser Herr«, sagte sie. Daher wurde keines der außergewöhnlichen Ereignisse durch ihre Intervention öffentlich bekannt gegeben, doch insgeheim verbreitete sich dennoch die Kenntnis darüber.

Pater Pio, Luisa Piccarreta und Rosaria Bucci

Luisa Piccarreta und der selige Pater Pio aus Pietrelcina kannten sich seit geraumer Zeit, ohne sich jemals begegnet zu sein, denn Luisa war immer ans Bett gefesselt und Pater Pio in seinen Kapuzinerkonvent in San Giovanni Rotondo eingeschlossen.

Man fragt sich natürlich gleich, wie sie sich kennengelernt haben.

Das ist schwierig zu sagen, aber es ist sicher, daß sie sich kannten und schätzten.

Meine Tante erzählt, daß Luisa mit Achtung und Verehrung von Pater Pio sprach und ihn als »einen wahren Gottesmann« bezeichnete, der noch vieles für das Heil der Seelen zu leiden hätte.

Um das Jahr 1930 kam ein von Pater Pio persönlich gesandter Herr zu Luisa. Es war Federico Abresch, der von Pater Pio bekehrt worden war. Herr Abresch sprach lange mit Luisa. Man weiß von dem Gesprächsinhalt nichts, aber Herr Abresch wurde fortan zum Apostel des Göttlichen Willens und besuchte Luisa regelmäßig, wobei er sich mit ihr immer lange unterhielt.

Als sein Sohn bei Pater Pio zur Erstkommunion ging, wurde er auch gleich zu Luisa gebracht, die ihm – wie man sagt – das Priestertum voraussagte.

Heute ist der kleine Junge von damals ein Priester und ist in Rom in der Kongregation für die Bischöfe tätig. Sein Name ist Pio Abresch.

Als Luisa vom Heiligen Offizium verurteilt wurde und ihre Werke auf den Index gesetzt wurden, ließ ihr Pater Pio durch Federico Abresch folgende Nachricht zukommen: »Liebe Luisa, die Heiligen dienen dem Heil der Seelen, aber ihr Leid kennt kein Ende«. Damals befand sich auch Pater Pio in großen Schwierigkeiten.

Pater Pio schickte viele Leute zu Luisa Piccarreta und sagte zu den Bewohnern von Corato, die zu ihm kamen: »Was kommt ihr zu mir, ihr habt doch Luisa, geht zu ihr«.

Pater Pio riet einigen seiner Gläubigen (u.a. Federico Abresch) in San Giovanni Rotondo ein geistiges Zentrum zu eröffnen, daß sich an der Dienerin Gottes Luisa Piccarreta inspiriert.

Erbin seines Willens ist momentan Fräulein Adriana Pallotti (geistige Tochter von Pater Pio). Sie hat in San Giovanni Rotondo ein Haus des Göttlichen Willens eröffnet und hält mit Federico Abresch so die Fackel am Leben, die Pater Pio entzündet hat. Fräulein Pallotti sagt, daß Pater Pio sie ermutigt habe, die Spiritualität von Luisa Piccarreta in San Giovanni Rotondo zu verbreiten und zur Verbreitung des Göttlichen Willens auf der Welt beizutragen, wie es Pater Pio wünschte.

Tante Rosaria ging besonders nach dem Tod Luisas regelmäßig nach San Giovanni Rotondo. Pater Pio kannte sie sehr gut, und als Luisa noch lebte, sagte er immer, wenn er sie sah: »Rosa, wie geht es Luisa?«.

Tante Rosaria antwortete: »Es geht ihr gut!«.

Nach Luisas Tod ging Tante Rosaria noch häufiger nach San Giovanni Rotondo, auch um von Pater Pio Rat und Erleuchtung zu erhalten.

Tante Rosaria war die einzige, die Licht in den Fall Luisa Piccarreta beim Heiligen Offizium bringen konnte. Sie besuchte verschiedene kirchliche Persönlichkeiten und ging sogar zum Heiligen Offizium. Einmal kam sie unbemerkt in das Büro des Kardinalpräfekten Ottaviani, der ihr wohlwollend zuhörte und ihr versprach, sich um den Fall zu kümmern.

Einige Tage später wurde Tante Rosaria dann auch zu Msgr. Addazi, dem Erzbischof von Trani, gerufen, der zu ihr sagte: »Fräulein, ich weiß nicht ob ich mit dir schimpfen oder dich bewundern soll, daß du soviel Mut aufgebracht hast. Du hast den Hetzhund der Kirche, den großen Glaubenswächter aufgesucht, ohne gebissen zu werden«.

Das Ergebnis war, daß die Erlaubnis erteilt wurde, den Leichnam Luisas auf den Friedhof der Kirche Santa Maria Greca zu überführen.

Luisa sagte einmal zu meiner Tante: »Du wirst meine Zeugin sein«, auch Pater Pio sagte einmal zu ihr im beneventanischen Dialekt: »Rosa, mach weiter, Luisa ist großartig und die Welt wird von Luisa erfüllt sein«.

Das hat meine Tante oft erzählt, aber die Dinge standen nicht sehr gut: Alles wies darauf hin, daß Luisa in Vergessenheit geraten würde.

Nach Pater Pios Tod sagte meine Tante eines Tages: »Pater Pio hat prophezeit, daß Luisa in der ganzen Welt bekannt sein wird«. Und sie wiederholte den Satz, den Pater Pio in seiner Mundart gesagt hat.

Ich sagte ihr, daß der Fall Luisa Piccarreta nicht leicht zu lösen sein würde. Auch in Corato sprach man nicht mehr davon, und Pater Pios Satz hätte man als ein Trostpflaster betrachten können. Aber Tante Rosaria beharrte darauf: »Nein! Pater Pio hat mir in der Beichte gesagt, daß Luisa keine weltliche Angelegenheit sei, sondern daß Gott da seine Hand im Spiel habe, und er wird sie auch groß werden lassen. Die Welt wird ob ihrer Größe verblüfft sein. Es werden nicht viele Jahre vergehen, bis das geschehen wird. Das neue Jahrtausend wird das Licht Luisas sehen«.

Mir verschlug es bei diesen Worten die Sprache, und meine Tante fragte mich: »Glaubst du denn an Luisa?«.

Ich antwortete mit ja.

Dann sagte sie zu mir: »Komm in ein paar Tagen zu mir, denn ich muß dir etwas sehr Wichtiges sagen«.

Das war in den siebziger Jahren, und Pater Pio war erst einige Jahre zuvor gestorben.

 

Tante Rosarias Geheimnis

Am 2. Februar 1975 – es war ein sehr kalter Tag – rief mich meine Tante zu sich nach Hause. Sie war schon sehr alt und ihre Augen bereiteten ihr wegen ihres Blutzuckers Schwierigkeiten. Mein Neffe Vincenzo und meine Nichte Sara gingen zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Sie betete gerade im Sitzen den Rosenkranz, als ich kam.

Ich setzte mich zu ihr, begrüßte sie und fragte sie, was sie mir denn so Wichtiges zu sagen hätte.

Sie schaute mich an und sagte: »Das, was ich dir jetzt sage, ist sehr wichtig. Versuche, rechten Gebrauch davon zu machen. Denke über die Wundertaten nach, die der Herr uns durch Luisa gewährt hat. Sie war ein edles Geschöpf vor den Augen Gottes und ein Werkzeug seiner Barmherzigkeit. Schwerlich wirst du eine so wertvolle und große Seele finden. Luisa übertrifft sich selbst, und du kannst sie nur vollends im Mysterium Gottes betrachten. Maria hat durch ihr Fiat die Erlösung in die Welt gebracht, daher hat sie der Herr auf so wunderbare Weise bereichert, daß er sie, das Geschöpf, zur Würde der Mutter Gottes erhob. Maria ist die Mutter Gottes, und keiner wird ihr jemals an Größe und Macht gleich werden. Nach Gott ist nur sie es, die auf Erden die Wunder des Herrn zum Ausdruck bringt. Aber nach der Gottesmutter kommt Luisa, die der Welt das dritte Fiat bringt, das Fiat der Heiligung«.

Das sagte sie in ruhigem Ton und betonte jedes Wort. Sie war völlig überzeugt, von dem, was sie sagte.

Ich war ob dieser Aussagen ganz verdutzt.

»Deswegen ist Luisa auch immer ans Bett gefesselt gewesen, und jeden Tag wurde sie der göttlichen Meisterin als Sühneopfer des Heiligen Göttlichen Willens dargebracht. Gott hatte an diesem Geschöpf Gefallen gefunden. Er ist ein eifersüchtiger Gott, und deswegen hat er sie auch von den Menschen weggenommen und sie ganz der Kirche anvertraut, damit sie sie behüte und sie mit unendlichen Bußübungen und Verständnislosigkeit zurechtforme. Meine Luisa kannte keinen menschlichen Trost, sondern nur den göttlichen. Auch ihr Leib war ständig zwischen Himmel und Erde schwebend und ihr Leben war ein beständiges Zeichen des Widerspruchs für normale Menschen. Auch in ihrer Leiblichkeit sollte sie ganz Gott gehören«.

Dann sagte sie mir noch: »Einmal sagte der Herr zu Luisa: „Alle, die dich gesehen und kennengelernt haben, werden gerettet"«.

»Lieber Peppino, das ist ein außergewöhnliches Geschenk Gottes, welches in der Stille verborgen geblieben ist, weil Luisa nicht wollte, daß es verbreitet würde, denn sonst wäre ihre Person zum Gegenstand der Neugierde und der Verehrung geworden, die sie selbst nicht zu verdienen glaubte. Nur ihr Beichtvater, so sagte sie mir einmal, könne all das diskret bekannt machen. Ich habe dir das gesagt, in der Hoffnung, daß du das nun richtig gebrauchst«.

Ich war damals beeindruckt von Tante Rosarias Ausdrucksweise, denn sie kleidete sogar theologische Begriffe in perfekte Worte, wobei sie auch poetische Begriffe benutzte.

Die gesammelten Aufzeichnungen gingen durch einen Zufall verloren, und ich habe mich darauf beschränkt, das aufzuzeichnen, woran ich mich noch erinnere.

Ihr fast unvorhergesehener Tod gab mir keine Zeit, ihr noch weitere Fragen zu stellen, um das, was sie mir anvertraut hatte, noch weiter zu klären.

Tante Rosaria verstarb im Jahr 1978.

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Die stigmatisierte Hand Pater Pios von Pietrelcina erhob sich unzählige Male zum Segen der Gläubigen am Ende der Messe.

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Corato, Via Maddalena, das Haus, in dem die Dienerin Gottes Luisa Piccarreta in ihren letzten Lebensjahren wohnte.

VIERTES KAPITEL

 

Annibale Maria di Francia und Luisa Piccarreta

Tante Rosaria sprach oft vom seligen Annibale Maria di Francia, dem Gründer der Rogationisten und der Schwestern vom Göttlichen Eifer.

Sie sprach von dem Seligen, als wäre er ein nahestehender Angehöriger. Und wenn sie ihn nannte, sagte sie nur „Padre Francia". Ich habe mich selbst sehr für diese Persönlichkeit interessiert und habe mehrmals bei den Rogationisten angefragt, ob etwas über die Beziehungen Luisas zum seligen Annibale existierte. Ich habe auch das Institut „Sant’Antonio" in Corato aufgesucht, das der Selige selbst gegründet hat mit der festen Absicht, Luisa dort zu den Schwestern zu bringen.

Meine Tante sagte, daß Pater Annibale zuerst vorhatte, Luisa in das Schwesternhaus nach Trani bringen zu lassen, doch ließ ihn Luisa wissen, daß der Herr sie lieber in Corato wollte. Das Vorhaben von P. Annibale wurde 1928 verwirklicht, nachdem er schon im Rufe der Heiligkeit gestorben war.

Annibale di Francia war der außerordentliche Beichtvater der Dienerin Gottes Luisa Piccarreta, und er veröffentlichte auch ihre Werke. Der selige Annibale gehört zu der Schar von Priestern, welche die Kirche Gottes durch ihre Heiligkeit und ihre Werke zum Wohle der Waisen und verlassenen Kinder gestärkt haben. Das Werk dieser Männer war für Italien und die Kirche in einer Zeit, in welcher der Antiklerikalismus triumphierte, von großem Nutzen.

Laut Tante Rosaria genoß der Selige großes Ansehen bei Papst Pius X., der ihn auch ohne weiteres in Privataudienz empfing. Es schien, daß Pius X. Luisa Piccarreta große Aufmerksamkeit schenkte. Ihm hat der Annibale auch Luisas Schriften vorgelegt, bevor er sie hatte drucken lassen.

Tante Rosaria behauptet, daß Pius X. nach der Lektüre der Schriften Luisas, insbesondere des berühmten Werkes über die Passion unseres Herrn mit dem Titel L’Orologio della Passione, gesagt haben soll: »Lieber Pater, diese Schriften müssen sie auf Knien lesen, denn hier spricht unser Herr Jesus Christus selbst«. Der hl. Pius X. hatte Pater Annibale auch den Auftrag zur Verbreitung der Schriften erteilt.

Annibale ging regelmäßig zu Luisa in die Via Sauro und führte mit ihr stundenlange geistliche Gespräche.

Oft brachte er auch Bischöfe aus dem In- und Ausland mit. Tante Rosaria erinnert sich noch an einen ungarischen Prälaten. Auch brachte Annibale Theologen zu ihr, um deren Zweifel in langen Gesprächen zu klären. Hinterher versammelte man sich in einem Nebenzimmer, um über das Gehörte ausgiebig zu diskutieren.

Tante Rosaria weiß noch, daß einmal ein ungarischer Bischof zu Luisa kam. Nach seinem Gespräch mit ihr sagte er etwas verstört beim Verlassen des Zimmers in einem gebrochenen Italienisch: »Betet für mein Volk«, da Luisa ihm die Zukunft seiner Heimat vorausgesagt hatte. Meine Tante konnte mir nicht genau sagen, wer der Bischof war und wo er herkam, sie nannte ihn nur »magyarischer Bischof«.

Ich kapierte, daß es sich um einen ungarischen Bischof handelte.

Annibales Besuche beschränkten sich nicht nur auf Gespräche mit Luisa, er hielt auch allen, die Luisas Haus frequentierten, Vorträge, besonders den jungen Männern und den Mädchen. Diese Vorträge waren von reichen Früchten gesegnet. Viele der Mädchen traten ins Kloster ein und etliche Jungen ins Priesterseminar. Nicht wenige wurden auch in seine eben erst gegründete Kongregation aufgenommen.

Viele kamen zu Luisa, um bei Annibale zu beichten. Das hat mir auch der Domherr Andrea Bevilacqua bestätigt, denn auch er ging als junger Seminarist zu Luisa, um bei Pater Annibale zu beichten. Er war auch außerordentlicher Beichtvater des verehrten und geliebten Erzbischofs von Trani, Monsignore Leo.

In meiner letzten Veröffentlichung habe ich nicht über Pater Annibale gesprochen, da man mir riet, wegen des laufenden Seligsprechungsprozesses zu schweigen, um dem Verfahren keine Hindernisse zu bereiten.

Es wäre sehr interessant, die Archive der Rogationisten und der Schwestern des Göttlichen Eifers zu konsultieren, da sich dort bestimmt noch Spuren des ausführlichen Schriftverkehrs zwischen der Dienerin Gottes, Luisa Piccarreta und dem seligen Pater Annibale befinden. Meine Tante sagte mir, daß die Regel der Rogationisten von der Spiritualität Luisas geprägt sei. Es wäre interessant, die alten Regeln und Konstitutionen der Institute zu lesen. Ich hoffe, daß die Rogationisten und die Schwestern des Göttlichen Eifers jetzt nach der Seligsprechung von Pater Annibale auch die Dienerin Gottes, Luisa Piccarreta aufwerten würden, die soviel zu deren Entwicklung durch ihr Gebet, ihren Rat und ihre Schriften beigetragen hat.

Es gäbe noch viel über die Beziehungen Luisas zu Pater Annibale und indirekt zu dem von Luisa so verehrten Papst Pius X. zu sagen. Noch zu Lebzeiten verehrte sie ihn als einen Heiligen und sagte öfters: »Der Herr hat der Kirche in diesen Zeiten zwei große Päpste geschenkt; der erste war ein Lieblingskind der Gottesmutter (womit sie Pius IX. meinte), der zweite ein großer Verteidiger des Glaubens und der Eucharistie«.

Der selige Pater Annibale di Francia mußte, um Luisa in ein Haus der Kongregation zu den Schwestern bringen zu lassen, große Hindernisse überwinden. Oft sagte er folgende Worte: »Die Aufnahme Luisas in ein Haus meines Institutes wird ein Segen Gottes für die ganze Kongregation sein«.

Obwohl in Trani bereits zwei Häuser der Kongregation des Göttlichen Eifers existierten, hat Annibale in heiliger Hartnäckigkeit auch in Corato noch ein Schwesternhaus eröffnet, ganz in der Nähe des Geburtshauses Luisas. Sein Projekt war nicht leicht zu verwirklichen, und der heiligmäßige Gründer starb noch, bevor das Haus fertiggestellt war.

Zwei Jahre nach seinem Tode zog Luisa zu den Schwestern des Göttlichen Eifers in die Via Murge.

Erinnerungen der Rosaria Bucci

Der Selige Pater Annibale di Francia besuchte häufig die Dienerin Gottes und führte mit ihr ausgedehnte Gespräche, wobei er oft stundenlang in Luisas Zimmer weilte, wo er auch nicht selten die Messe zelebrierte.

An folgendes kann ich mich aus den Erzählungen von Tante Rosaria erinnern:

Im Jahre 1910 kam ein Priester zu Luisa und bat um ein Gespräch. Es war die erste von zahlreichen Begegnungen zwischen den beiden „Heiligen". Tante Rosaria, damals noch ein Mädchen, öffnete die Türe – sie hatte sich schon häuslich eingelebt bei Luisa, die sie bereits seit vier Jahren frequentierte. Sie war deshalb auch die Helferin von Angelina bei der häuslichen Arbeit. Außerdem hatte Rosaria die Kissenstickerei von Luisa gelernt und fungierte daher als Lehrmeisterin für die Mädchen, die als Lehrlinge zu Luisa kamen. Auch half sie Luisa selbst beim Sticken, da die Dienerin Gottes wegen ihrer unter der Haut verborgenen schmerzhaften Stigmata die Knoten nicht recht festziehen konnte.

Öfters hatte Tante Rosaria ein Bett in Luisas Haus bereitgestellt, auf dem sich Pater Annibale ab und zu ausruhte, besonders wenn er länger als einen Tag als Gast bei den Piccarretas weilte.

Der Aufenthalt des Seligen bei Luisa kam auch daher, daß Luisa, bevor sie ihre Schriften Annibale überließ, diese vorlesen und dunkle und unverständliche Punkte erklären mußte.

Meine Tante war es auch, die Pater Annibale das Manuskript der berühmten Meditation über die Passion übergab. Pater Annibale ließ es unter dem Titel L’Orologio della Passione drucken, ein Titel, der Luisa anfangs nicht gerade begeisterte. Die Veröffentlichung mit einem langen Vorwort von Pater Annibale versehen wurde insgesamt viermal aufgelegt.

Tante Rosaria erinnerte sich, daß Pater Annibale einmal alle, die Luisas Haus regelmäßig aufsuchten, aufforderte, dieses Werk zu lesen und zu meditieren. Jeder bekam ein Exemplar geschenkt, wobei Pater Annibale sagte: »Bevor ich das Manuskript drucken ließ, bin ich von Seiner Heiligkeit Papst Pius X. in Privataudienz empfangen worden, dem ich ein Exemplar überreichte. Einige Tage später kam ich wegen einiger Fragen bezüglich meiner Kongregation erneut zum Papst, und jener sagte zu mir wörtlich: „Laß sogleich das L’Orologio della Passione der Piccarreta drucken. Lest es auf Knien, denn es ist der Herr selbst, der da spricht"«.

Da uns keine weiteren Dokumente zur Verfügung stehen, müssen wir uns auf das Zeugnis von Rosaria Bucci verlassen.

Der selige Annibale und die Ordensprovinz der Kapuziner von Apulien

Scheinbar haben die Franziskaner, besonders aber die Kapuziner dem seligen Annibale geraten, die Werke dem Schutz des hl. Antonius von Padua anzuvertrauen. Zwischen den Kapuzinern und Pater Annibale bestand eine gegenseitige große Achtung.

Ich selbst habe die Älteren unter unseren Kapuzinerpatres oft von Pater Annibale sprechen gehört.

Pater Annibale verbreitete die Schriften Luisas, wobei er viele davon den Patres schenkte, von denen er aber verlangte, die Urheberin nicht preiszugeben, da die fromme Schreiberin inkognito bleiben wollte.

Der Kapuzinerpater, der am meisten von all dem sprach, war Pater Isaia da Triggiano. Er war ein wahrer Priester, einfach und demütig. Er verehrte Luisa Piccarreta ganz besonders und hob die Schriften und einige persönliche Gegenstände der Dienerin Gottes mit besonderer Ehrfurcht auf, so u.a. ein Heiligenbildchen mit einem von Luisa direkt verfaßten Gebet.

Oft sprach Pater Isaia folgende Worte: »Luisa ist eine große Heilige und ein ebenso großer Heiliger ist Pater Annibale, weil wir sie durch ihn kennengelernt haben. Die Heiligen verstehen sich untereinander, Gott selbst verbindet sie miteinander«.

Im Jahre 1917 war Pater Isaia schon Kapuziner und studierte zu dieser Zeit in unserem Konvent in Francavilla Fontana, wo die Fratres bei verschiedenen Anlässen Annibale Maria di Francia beherbergten, der dort im nahen Oria eines seiner Werke erstellte.

Im folgenden nun die Eindrücke, die Pater Isaia von Pater Annibale hatte: »Er war wirklich ein Priester Gottes. Wenn wir Studenten ihn sahen, umringten wir ihn gleich, denn er war so sympathisch. Alle gingen bei ihm beichten. Er sah schon so außergewöhnlich aus, und so war auch seine Art zu sprechen und zu gestikulieren, immer maßvoll und reserviert, ohne einem Angst einzujagen. Man hatte wirklich kindliches Vertrauen zu ihm. Er sprach immer vom Göttlichen Willen zu uns und ermutigte uns, Unbehagen und Widersprüche zu ertragen. Er sagte, eine völlig gottgeweihte Seele leide und bete für uns«.

»Diese Seele« – so sagte Pater Annibale zu Pater Isaia – »ist eine Tochter deiner Heimat, und das ist ein Zeichen, daß der Herr die Menschen von Bari segnet«. Er schenkte ihm, um ihn in seinen Zweifeln und Leiden zu bestärken, das L’Orologio della Passione, welches er hatte drucken lassen. Pater Isaia, damals noch Frater Isaia und Student, fragte, wo sich diese heilige Seele befinde und wer sie denn sei, aber Pater Annibale gab ihm zur Antwort: »Schau, daß du dich würdig auf das Priesteramt vorbereitest und stets den Willen Gottes tust, dann wirst du mit der Zeit schon herausfinden, wer diese Seele ist«.

Als Frater Isaia Priester geworden war, ging er desöfteren zu Luisa Piccarreta, um bei ihr Rat einzuholen und in seinem Apostolat von ihr bestärkt zu werden, da man ihm übel nachredete.

Damals machte die Ordensprovinz Apulien eine schwierige Zeit durch, denn es gab Reibungspunkte zwischen den Provinzen Bari und Lecce, die zu einer einzigen Ordensprovinz zusammengelegt wurden. Einige Patres versuchten, sich als Reformer hervorzutun, was aber sofort von Papst Pius X. abgeblockt wurde.

Die meisten unterwarfen sich, einige jedoch widersetzten sich und wurden daher aus dem Orden ausgeschlossen und exkommuniziert. Zu diesen gehörte auch Pater Gerardo, der Prior und Direktor des Studentenhauses in Francavilla.

Dieser Pater hatte etwas eigenartige Ideen über die Leitung eines Studentenhauses. Er verlangte drakonische Disziplin. Oft ließ er die Studenten fasten, damit sie sich abtöteten und so dem Gekreuzigten gleich würden. Doch das Schlimmste war, daß er nicht einmal das Studium erlaubte. Ihr Studium hatte der Gekreuzigte und die Buße zu sein. Daher ließ er in den Zimmern ein großes Kreuz und eine Geisel anbringen. Man kann gut verstehen, wie sich die Studenten fühlten, viele wurden krank. Pater Annibale ließ Pater Gerardo bei einem seiner Besuche wissen, daß man Jugendliche, die sich im Wachstum befinden, so nicht behandeln darf. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran, betete für die Jungen, damit sie wenigstens einmal am Tag sich satt essen könnten. Pater Annibale war sehr sensibel, was Jugendliche betraf und sagte oft: »Das ist nicht der Wille Gottes«.

Offensichtlich blieb das überzeugende und liebevolle Gespräch seitens Pater Annibales bei Pater Gerardo nicht ungehört, denn wenn er sprach, wurden auch die härtesten Herzen weich. Das Resultat war gleich bemerkenswert: Es wurden Bücher zur Priesterausbildung der Jugendlichen angeschafft und es gab gleich etwas Brot und Suppe mehr.

Pater Gerardo hatte kurz danach den Orden verlassen und wurde wegen seiner bizarren Ideen und wegen Rebellion gegen die Kirche exkommuniziert. Die Worte von Pater Annibale gingen in Erfüllung. Immer wenn sich die Jungen völlig entmutigt vor ihm zur Beichte niederknieten, sagte er zu ihnen: »Lebt weiter intensiv nach dem Willen Gottes, denn bald wird alles anders werden. Nur Mut!«.

Viele Patres standen mit Pater Annibale in Kontakt und lernten durch ihn auch Luisa kennen. Unvergeßlich ist uns Pater Daniele da Triggiano, ein hervorragender Kapuziner und wahrer Nachfolger des hl. Franz von Assisi. Seine Einfachheit, seine Worte und Gesten sind auch heute noch lebendig in der ganzen Ordensprovinz.

Pater Daniele sprach von Luisa als sei sie ein Himmelsgeschöpf, und immer wenn ich als junger Seminarist sein Beichtzimmer betrat, sagte er zu mir: »Bist du Bucci aus Corato? Kennst du Luisa? Du weißt, sie ist eine große Heilige. Hör’ nie auf sie zu bitten, wenn du Priester werden willst«.

Pater Daniele war der Historiker in Triggiano und hat auch einige Andachtsbücher veröffentlicht, wobei er sich ganz und gar an Luisa Piccarreta inspirierte. Er sprach von Luisa, als habe er persönlichen Kontakt zu ihr und zu Pater Annibale gehabt.

Auch Pater Giovanni De Bellis hörte ich oft von der Dienerin Gottes Luisa Piccarreta sprechen. Er kam oft nach Corato, um zu predigen, und ging bei dieser Gelegenheit auch immer zu Luisa. Als ich Oberer und Pfarrer in Trinitapoli war, sprach Pater Giovanni, mein Mitbruder aus der Konventsgemeinschaft, oft über Luisa Piccarreta und Pater Annibale Maria di Francia, den er noch persönlich gekannt hatte. Es war mir vergönnt, Pater Giovanni in den letzten Lebensstunden nahe zu sein, als er im gesegneten Alter von 92 Jahren starb. Er starb völlig versunken im Gebet mit gefalteten Händen und den Rosenkranz haltend. Seine letzten Worte waren: »Gottes Wille geschehe«. Das war 1982.

Auch Pater Terenzio da Campi Salentina war ein großer Verehrer der Dienerin Gottes Luisa Piccarreta. Jedesmal, wenn er mich traf, sprach er von ihr. Er hatte mir auch mitgeteilt, daß der Seligsprechungsprozeß von Pater Annibale eingeleitet worden war. Als ich noch ein junger Novize im Konvent von Alessano war, da war Pater Terenzio Prior. Eines Tages sagte er zu mir: »Ich hatte eine Glaubenskrise durchgemacht und ging eines Tages zu Luisa Piccarreta, die mir wohlwollend zuhörte. Sie zerstieb alle meine Zweifel und gab mir solch klare und tiefe theologische Erklärungen, was für mich direkt eine Offenbarung war. Alle meine Glaubenszweifel, die ich während meines ganzen Theologiestudiums nicht auszuräumen vermochte, hatte Luisa mit einem Streich weggefegt. Sie war mit Wissenseingabe gesegnet«.

Eines Tages sprach auch Pater Guglielmo da Barletta, einer der besten Priester der Provinz und mehrere Male Provinzialoberer und Rektor unseres theologischen Studentenhauses, während einer Askesevorlesung über den verehrungswürdigen Pater Annibale und dessen Werke. Besonders lange ließ er sich über das L’Orologio della Passione und über Maria im Reich des Göttlichen Willens aus. In bezug auf Luisa Piccarreta sagte er: »Sie ist eine großartige und wunderbare Seele. Wir kommen nicht einmal einem Fünkchen ihrer Seele gleich«. Er sagte mir nicht, ob er Luisa persönlich kennengelernt hatte.

Fast alle unsere älteren Patres hatten direkten oder indirekten Kontakt zu Pater Annibale und Luisa Piccarreta. Zu nennen wären hier auch noch Pater Zaccaria da Triggiano, der mehrmals Provinzial war, Pater Fedele da Montescaglioso, Pater Giuseppe da Francavilla Fontana, Pater Tobia da Triggiano, Pater Antonio da Stigliano, der einige Schriften über den Diener Gottes, Fra Dionisio da Barletta verfaßt hat, Pater Arcangelo da Barletta, auch er Provinzial, Pater Pio da Triggiano, ebenfalls Provinzial, Pater Gabriele da Corato, Pater Timoteo d’Acquarica, enger Freund von Don Benedetto Calvi, des letzten Beichtvaters von Luisa, in dessen Pfarrei er oft gepredigt hatte (er nahm auch an der Überführung des Leichnams Luisas vom Friedhof zur Kirche teil und konzelebrierte in der Heimatkirche bei der Eröffnung des Seligsprechungsprozesses für die Dienerin Gottes Luisa Piccarreta) sowie Pater Salvatore da Corato, auf den ich noch zu sprechen kommen werde. Auch viele Laienbrüder suchten Luisa Piccarreta in Corato auf: Frater Ignazio, Frater Abele, Frater Rosario, Frater Vito und Frater Crispino. Alle sprachen mit großem Enthusiasmus von Luisa, die sie sehr verehrten.

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Pater Terenzio da Campi Salentina, der Luisa Piccarreta sehr schätzte.

Luisas Vorliebe für die Kapuziner. Pater Salvatore da Corato und Luisa Piccarreta

Einer der Kapuziner, der eine große Bewunderung für Luisa hegte, war Pater Salvatore da Corato. Ich lernte ihn kennen, als ich Schüler im Seminar von Giovinazzo war (4. und 5. Gymnasialklasse). Pater Salvatore verbrachte seine Ferien bei uns. Bei unseren Spaziergängen durch die Konventgärten sprach er immer wieder von Luisa und darüber, wie seine Berufung herangereift war, Kapuziner zu werden.

Pater Salvatore war ein großartiger Kapuzinermönch. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, war äußerst freundlich und war von einer Feinheit, die ich selten bei anderen Fratres angetroffen habe. Für seine Berufung zum Priester und zum Mönch mußte er sehr viel leiden und durchstehen. Er war Waise und wuchs bei einer Tante auf, die ihn oft zu Luisa, der Heiligen, brachte. Diese mochte ihn sehr gerne und unterhielt sich oft lange mit dem Jungen.

Eines Tages sagte sie zu ihm: »Der Herr will, daß du Priester wirst«. Aber der Junge legte kein großes Gewicht auf ihre Worte. Er wuchs zu einem schönen Jüngling heran, war reich und von Mädchen umschwärmt, ging zur Marine und war oft auf Reisen. Auf seinen langen Seereisen, die oft Monate dauerten, hielt der junge Seemann sich viel an Deck auf und betrachtete das unendliche Meer und die Sterne. Dabei kamen ihm immer wieder die Worte Luisas in den Sinn: »Der Herr will, daß du Priester wirst«.

Als er sich einmal in Todesgefahr befand, rief er Luisa an: »Luisa, wenn du willst daß ich Priester werde, dann rette mich!«.Der Zufall wollte es, daß viele seiner Kameraden umkamen und nur er aufgrund einer wundersamen Fügung gerettet wurde. Kurz darauf gab er seine Marinelaufbahn auf, kehrte nach Corato zurück und begab sich zu Luisa. Nach einem langen Gespräch riet Luisa ihm bei den Kapuzinern einzutreten, sagte ihm aber auch voraus, daß er große Schwierigkeiten haben würde, denn der Herr selbst würde seine Berufung auf die Probe stellen.

Sein Eintritt in den Orden wurde in der Tat nicht ohne weiteres akzeptiert. Besonders die für die Ausbildung Zuständigen stellten sich dagegen. Angeblich war er schon zu alt, außerdem hielt man ihm sein angeblich ausschweifendes Seemannsleben vor und meinte, es sei nicht einfach, für einen aus wohlhabender Familie stammenden Kandidaten eine so strenge Ordensregel anzunehmen. Auch nützten die Empfehlungsschreiben vom Erzpriester, Don Clemente Ferrara, und von Don Andrea Bevilacqua nichts. Letzterer begleitete ihn sogar persönlich zum Noviziat von Montescaglioso.

Novizenmeister und Prior nahmen ihn nicht an, ja man ließ ihn nicht einmal den Konvent betreten. Der arme Junge mußte also drei Tage außerhalb des Konvents auf eine Antwort des Provinzials warten, an den sich der Novizenmeister und der Prior wahrscheinlich gewandt hatten.

Die Worte Luisas wurden in jeder Hinsicht wahr.

Pater Salvatore verzichtete großzügig auf all seine Familiengüter, als er Kapuziner wurde und nahm das Theologiestudium auf. Zum Priester geweiht, wollte er bei Luisa eine Dankmesse lesen. Er beschloß seine Erzählung mit den Worten: »Luisa ist in meinem Herzen und gehört zu meinem Leben. Sie ist mir so nahe, daß ich manchmal glaube, sie will noch mit mir sprechen. Ich bin mir sicher, daß ich nicht lange leben werde, denn Luisa möchte mich bald ins Paradies führen«. Das sagte er mit einem unbeschreiblichen, ja fast himmlischen Lächeln.

Pater Salvatore wurde als Erzieher und Direktor in den Kleinen Seminaren eingesetzt. Er war von allen geliebt und geachtet. Seine geistigen und menschlichen Gaben bereicherten sein Priestertum. Seine seit dem Ordenseintritt immer angeschlagene Gesundheit war ein Zeichen für den Willen Gottes, der ihn durch das Leid für das Himmelreich reifen ließ.

Als ich ihn fragte, ob es legitim sei, die vom Heiligen Offizium verurteilten Schriften Luisas zu lesen, verneinte er und sagte: »Luisa gehört der ganzen Kirche und ist innerhalb der Kirche, die oft von uns verlangt, auch auf die schönen Dinge zu verzichten. Denk daran, daß alles, was die Kirche macht, dem Willen Gottes entspricht, der seine eigenen Zeiten hat. Vielleicht ist die Welt einfach noch nicht so weit, daß sie diese große Heilige verstehen könnte. Ich glaube, daß der Herr selbst sie in nicht allzu langer Zeit erhöhen wird«. Pater Salvatore starb am 3. September 1956 im Alter von 41 Jahren.

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 Pater Salvatore da Corato.

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 Ein Großteil der Kapuziner, die mit Luisa Piccarreta und Pater Annibale in Kontakt standen.

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 Der selige Pater Annibale, außerordentlicher Beichtvater und kirchlicher Revisor der Schriften der Luisa Piccarreta.

 FÜNFTES KAPITEL

Ein seltsames Mittagessen

Ich begann Luisa Piccarreta im Alter von fünf Jahren regelmäßig aufzusuchen. Tante Rosaria brachte mich mit ihr in Kontakt.

Als ich dann etwas größer war, brachte ich Luisa immer viel Obst mit, das mein Vater auf unseren Ländereien erntete.

Gelegentlich veranlaßte meine Tante, daß ich zum Essen im Hause Piccarreta blieb, wobei Luisa nie mit uns aß, denn sie war in ihrem Bett, wo sie das bißchen Essen zu sich nahm, das man ihr täglich verabreichte.

Einmal schaute ich aus Neugierde zu, wie Luisas Essen vorbereitet wurde: alles auf einem einzigen Teller. Es war Sonntag, an dem meine Familie immer Ragù aß. Auf ihrem Teller waren gerade ein paar kleine Stückchen Ragù mit etwas Trauben garniert. Meine Tante schaute mich lächelnd und verständnisvoll an, als sie meine Verblüffung sah. Plötzlich sagte sie: »Bring diesen Teller Luisa«. Ganz überrascht brachte ich den Teller zu ihr. Sie hatte gerade ihre Stickarbeit beendet, und auf ihrem Schoß befand sich ein Tablett mit einer kleinen Decke, worauf sie den Teller stellte, den ich ihr gab. Sie schaute mich mit ihren großen Augen aufmerksam an, ohne etwas zu sagen. Dann nahm sie eine Traube und schob sie mir in den Mund. Ich verließ das Zimmer, während Luisa ihr seltsames Mahl einnahm. Ich hatte mich gerade hingesetzt, als wir ihre Glocke hörten. Meine Tante stand sofort auf, nahm ein Tablett und ging zu ihr ins Zimmer. Instinktiv folgte ich ihr und wurde Zeuge eines Phänomens, was mich völlig perplex machte. Luisa erbrach das ganze Essen völlig unverändert, so wie sie es zu sich genommen hatte. Das Seltsamste war, daß man ihr kein Unwohlsein anmerkte, wie das eigentlich beim Erbrechen der Fall ist. Meine Tante nahm das Tablett von ihren Knien, stellte es ab, zog den Bettvorhang zu, ließ die Rolläden herunter und sagte: »Gehen wir, Luisa muß jetzt beten«. Als ich das zu Hause meiner Mutter erzählte, war diese nicht etwa überrascht, da sie schon lange von diesem Phänomen wußte. Luisas aß und trank also nichts, sondern lebte nur vom Göttlichen Willen. Dieses Phänomen dauerte ungefähr 70 Jahre an. Aus Gehorsam ihren Beichtvätern gegenüber mußte sie aber wenigstens einmal am Tag essen, auch wenn sie stets gleich alles wieder erbrach.

Die mißlungene Bußübung

Als ich einmal sonntags bei Luisa war, rief sie mich zu ihr und sagte: »Heute ist Sonntag, wenn du nun zu Hause Fleisch zu essen bekommst, hebe etwas für das Jesuskind auf«. Ich versprach ihr, das zu tun, aber als ich zu Hause war, vergaß ich meine Versprechen ganz.

Damals war Fleisch etwas ganz besonderes, das man nur in kleinen Portionen zu besonderen Anlässen aß.

Ich aß in aller Seelenruhe mein Fleisch auf, ohne an mein Versprechen zu denken. Luisa hatte dieses aber keineswegs vergessen. Und sie sagte sofort zu mir, als ich nachmittags zu ihr kam: »Du hast dein Versprechen für das Jesuskind vergessen«. Ich war völlig sprachlos und wußte nichts darauf zu antworten. Tante Rosaria schaltete sich ins Gespräch ein und sagte: »Er ist noch klein, was versteht er schon davon!«. Ich kapierte allerdings, daß diese rettende Antwort Luisa nicht zufriedenstellte.

Eine Prophetie

Meine Familie war sehr religiös und wünschte sich einen Priester. Väterlicherseits hatten wir etliche Priester in der Familie und auch ein Vetter meiner Mutter war Generalvikar - Monsignore Balducci - in Salerno, unter dem berühmten Bischof Monterisi. Meine Mutter stand mit diesem Vetter in Briefkontakt, doch wir kannten ihn nicht persönlich. Ich weiß noch, daß meine Mutter immer begeistert von ihm sprach.

Man hoffte auf meinen Bruder Agostino, er war gut erzogen, gelehrt und zurückhaltend, eigentlich der richtige Typ für die kirchliche Karriere. Tante Rosaria freute sich sehr, als mein Bruder den Wunsch äußerte, ins Seminar zu gehen. Auch das Urteil unseres Pfarrers Don Cataldo Tota seligen Andenkens war äußerst positiv.

Man bereitete schon die Mitgift vor. Meine Tante nähte einen Chorrock mit Stickereien versehen. Alles war für seinen Eintritt ins Seminar von Bisceglie bereit. Doch es ereignete sich etwas, wonach mein Bruder nicht mehr ins Seminar eintrat. Es war Don Andrea Bevilacqua, der empfahl, meinen Bruder nicht ins Seminar eintreten zu lassen. Er war dessen Schüler in der Mittelschule, und sein Rat war, meinen Bruder wenigstens die fünfte Gymnasialklasse erreichen zu lassen und dann gleich ins Seminar von Molfetta einzutreten, ohne zuerst das Kleine Seminar zu besuchen, da Don Andrea meinte, es würde keine adäquate Ausbildung garantieren. Tante Rosaria war absolut nicht dieser Meinung und beschwerte sich eines Tages bei Luisa: »Nachdem soviel Geld ausgegeben wurde, geht Agostino nun nicht mehr ins Seminar«.

Es muß dazu gesagt werden, daß Luisa von Anfang an nie etwas zu diesem Projekt gesagt hatte, obwohl er regelmäßig zu ihr ging und sie von seiner Absicht wußte. Doch sie hatte ihn nie dazu ermutigt, was sie jedoch bei anderen, die diese Absicht bekundeten, immer getan hatte. Luisa antwortete auf die Beschwerde in meiner Gegenwart: »Rosaria, Rosaria ... du möchtest an die Stelle des Göttlichen Willens treten! Der Herr will ihn nicht«. Dann blickte sie zu mir und fuhr fort: »Kümmere dich um ihn, denn der Herr will ihn und nicht den anderen«. Tante Rosaria war sehr erstaunt, als sie das hörte und sagte: »Ausgerechnet den Rebellen in der Familie!«.

Und tatsächlich gefiel mir das Straßenleben viel zu gut. Ich war sehr lebhaft und war gerne mit den armen Jungen zusammen. Meine Kameraden schwänzten regelmäßig die Schule, liefen barfuß herum und rochen nach Stall. Auch in der Schule leisteten sie nicht allzu viel. Ich war die Verzweiflung meiner Familie, aus dem mittleren Bürgertum (meine Mutter war Lehrerin und mein Vater städtischer Angestellter).

Ich schenkte Luisas Worten nicht viel Beachtung; ich war gerade in der vierten Volksschulklasse. Es gab auch große soziale Probleme: die Niederlage des Faschismus, die deutsche Besetzung, es gab keinen Unterricht und das Essen war sehr knapp. Ich vergaß Luisas Worte völlig. Als Luisa dann am 4. März 1947 verstarb, begann Tante Rosaria intensiv über ihre Worte nachzudenken, und beobachtete mich immer, ob ich nicht irgendwelche Anzeichen einer Berufung kundgab. Bald darauf trat der größte Lausbub aus der Via Andria, Peppino, zum Erstaunen aller ins Seminar ein und zwar nicht in das diözesane Seminar, sondern in das Seraphische Seminar der Kapuzinerminoriten von Barletta. Es war 1948, ein Jahr nach Luisas Tod. Viele wetteten, daß aufgrund meines Wesens mein Seminaraufenthalt nicht von langer Dauer sei und ich dort genau so aufmüpfig sein würde. Man machte meiner Mutter auch Vorwürfe, daß sie so etwas überhaupt zugelassen hätte.

Die Zeit hatte all diese negativen Voraussagen zerstreut und man begann, meiner Tante Glauben zu schenken, die allen stolz erzählte, daß Luisa meine Priesterweihe vorausgesagt habe. »Peppino wird schon Priester werden, Gott hat seinen Willen durch Luisa kundgetan«.

Das stürmische Meer

Es vergingen etliche Jahre. Meine Eltern waren schon früh gestorben und die Familie hatte sich etwas auseinandergelebt. Drei meiner Brüder hatten geheiratet, eine Schwester lebte in Triest und eine andere in Bologna. Ein anderer Bruder war in die Schweiz gegangen und das Haus war sozusagen leer. Wir ließen nur Tante Rosaria dort wohnen.

Ich war bereits Theologiestudent in Santa Fara und hatte schon die niederen Weihen und das Diakonat empfangen.

Im Sommer zog das ganze Seminar nach Giovinazzo um. Es lag am Meer und war der geeignete Ort für die Sommerferien. Außerdem war dort auch das Große Seminar untergebracht. An einem Augusttag waren wir alle am Strand. Das Meer war sehr aufgewühlt. Einer der Studenten stürzte sich ins Wasser und wurde sofort von den Wellen in die Tiefe gerissen. Zwei meiner Mitbrüder und ich sprangen sofort ins Wasser, um unseren Mitbruder zu retten, wir waren gute Schwimmer. Aber aufgrund des hohen Wellenganges wurden auch wir gleich von den Fluten überwältigt, auf die Steine zurückgeworfen, um sogleich wieder von den Wellen verschluckt zu werden.

In diesen Augenblicken kam mir mein eigener Tod in den Sinn, und ich dachte so bei mir selbst: »Nun werde ich wohl kein Priester mehr werden«. Ich rief zu Luisa und sagte: »Luisa, du Heilige, hilf mir!«, dann verlor ich das Bewußtsein. Plötzlich bemerkte ich, daß mich meine Mitbrüder ergriffen und mich in Sicherheit brachten, bevor mich das Meer entgültig verschlang.

Völlig lädiert und blutend wurde ich an Land gezogen, aber ich lebte. Luisa hatte mich zusammen mit meinen anderen drei Leidensgenossen gerettet.

Nachts darauf träumte ich von Luisa. Sie schaute mich mit ihren großen dunklen Augen an, doch sie sagte nichts.

War das ein Warntraum oder ein Delirium? In den darauf folgenden Tagen hatte ich hohes Fieber, doch ich wurde bald wieder gesund.

Das Jahr darauf wurde ich von Msgr. Enrico Nicodemo, dem damaligen Erzbischof von Bari in der Kirche der Kapuziner von Triggiano zum Priester geweiht. Es war der 14. März 1964.

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 Ein Erinnerungsphoto von Frater Bernardino Giuseppe Bucci, als Kapuziner und Theologiestudent (zweiter von links, oben), neben dem Direktor, zusammen mit den anderen Studenten .

 SECHSTES KAPITEL

Der prophezeite Purpur

Eine weitere Persönlichkeit, die sehr mit Luisa Piccarreta verbunden war, ist Kardinal Cento seligen Andenkens.

Er kam schon als ganz junger Priester regelmäßig zu Luisa. Von ihm hat Tante Rosaria oft gesprochen, und sie nannte ihn auch noch als Kardinal einfach nur Pater Cento oder Don Cento.

Anfangs verstand ich nicht so recht, um wen es eigentlich ging. Eines Tages nahm ich bei ihr zu Hause einen Brief mit Vatikanstempel und Kardinalswappen für sie entgegen, worauf ich dann verstand, daß es sich um Pater Cento handelte, von dem sie immer gesprochen hat. Ich fragte sie, warum sie einen Kardinal „Pater" nannte. Sie sagte: »Ich war sehr gut bekannt mit Pater Cento, er war für mich wie ein Bruder. Jedesmal wenn er zu Luisa nach Corato kam, habe ich ihn überall hin begleitet: zum Erzpriester, zum Bischof von Trani usw. Auch habe ich ihm oft die Sehenswürdigkeiten von Corato gezeigt. Er war sehr fröhlich und scherzte gerne, doch wenn er die Messe las, glich er einem Engel. Seit meiner Jugend kenne ich ihn, und oft haben wir bei Luisa und Angelina zusammen gegessen. Er unterhielt sich oft mit Luisa, und einmal sagte er scherzhaft zu mir: „Luisa sagt mir immer, daß sie mich einmal rot färben würden, aber ich werde versuchen mich nicht als Kardinal verkleiden zu lassen". Eines Tages sah ich ihn mit finsterer Miene, es war das einzige Mal, daß er nicht zu Scherzen aufgelegt war. Er redete kaum. Es war, als Luisa verurteilt wurde. Trotz der Zensur des Heiligen Offiziums besuchte er Luisa weiterhin. Und auf meine Frage, warum dieses Desaster passiert sei, antwortete er mir barsch: „Bitte, Rosaria, sprechen wir nicht davon. Wir leiden doch wohl am meisten darunter". Nach einer langen Pause fügte er hinzu: „Das sind schreckliche Prüfungen, die uns der Herr schickt"«.

Wie man weiß, war Pater Cento eine herausragende Persönlichkeit in der Römischen Kurie.

Tante Rosaria hielt mit ihm brieflichen Kontakt, und es scheint, daß er all seinen Einfluß geltend gemacht hatte, um den Leichnam Luisas vom Friedhof in die Kirche Santa Maria Greca überführen zu lassen.

An dieser Stelle muß ich bekennen, daß ich es versäumt hatte, die Korrespondenz zwischen den beiden aufzubewahren. Als meine Tante starb, hatten meine Neffen und Nichten bei der Haushaltsauflösung all dieses Material weggeworfen, da es ihrer Meinung nach wertlos war. Dazu gehörten auch die Briefe von Kardinal Cento.

Das war ein großer Verlust, denn eine solche Quelle hätte all dem, was ich bisher vorgetragen habe, größeres Gewicht verliehen. Außerdem hätten wir auch die Gedanken des Kardinals über die Person der Luisa Piccarreta kennengelernt. Man müßte in den Familienarchiven des Kardinals nachforschen, um dieses reichhaltige Material wiederzugewinnen.

Der geheilte Bischof

Man schrieb das Jahr 1917. Msgr. Regime, der neue Erzbischof von Trani, der womöglich von jenen Klerikern beeinflußt war, die den Fall Piccarreta nicht nur als Lappalie betrachteten, sondern der ganzen Sache auch noch feindselig gegenüberstanden, erließ hinsichtlich Luisa ein sehr strenges Dekret. Den Priestern wurde verboten, ihr Haus zu betreten, um dort die Messe zu lesen. Dies war jedoch ein Privileg, welches Luisa von den Päpsten Leo XIII. und Pius X. gewährt bekommen hatte und welches 1907 erneut bekräftigt wurde.

Dieses Dekret mußte überall verlesen werden. Hier nun der Hergang der Ereignisse:

Während Msgr. Regime seine Unterschrift unter das Dekret setzte, erlitt er einen Schlaganfall, und war plötzlich halbseitig gelähmt. Den Priestern, die ihm zu Hilfe eilen wollten, gab er durch Zeichen zu verstehen, daß man ihn zu Luisa bringen solle.

Hier nun Tante Rosarias Beschreibung des Ereignisses: »Es war gegen 11.00 Uhr, als wir das Geräusch einer Kutsche hörten, die genau vor Luisas Haus anhielt. Ich schaute vom Balkon herunter, um zu sehen, wer gekommen war. Dort sah ich zwei Priester, die einen dritten stützten. Luisa sagte: „Mach auf, der Bischof kommt". Und tatsächlich stand Msgr. Regime, gestützt von zwei Priestern vor der Tür (wahrscheinlich vom Generalvikar und vom Ordinariatsleiter). Der Bischof stammelte unverständliche Worte und wurde sofort in Luisas Zimmer gebracht. Es war das erste Mal, daß er zu der Dienerin Gottes kam, die gleich, als sie ihn sah, zu ihm sagte: "Exzellenz, ich bitte Sie, segnen Sie mich". Der Bischof hob seinen Arm, um sie zu segnen, als sei nichts geschehen. Er war völlig geheilt!

Er blieb circa zwei Stunden bei Luisa im Zimmer und sprach im Vertraulichen mit ihr. Dann kam er zum Erstaunen aller, vor allem der anwesenden Priester, lächelnd aus dem Zimmer, segnete die Anwesenden und ging fort«.

Man versuchte den Fall geheim zu halten, doch dies war unmöglich. Solange Msgr. Regime Erzbischof von Trani war, kam er regelmäßig zu Luisa zum geistigen Gespräch. Dem Klerus flößte das große Ehrfurcht ein, und Don Gennaro di Gennaro, der heiligmäßige Beichtvater Luisas konnte seinen Dienst wieder aufnehmen. Auch Pater Annibale Maria di Francia kam nach diesem Ereignis noch häufiger zur Dienerin Gottes.

SIEBTES KAPITEL

Luisa und die Jugend von Corato

Als ich noch klein war, erzählten sich vor allem die älteren Frauen von Corato, daß Luisa nachts das Haus in einer geschlossenen Kutsche verließ, um von niemandem gesehen zu werden. Doch die Jugend von Corato rannte, sobald sie die Kutsche erblickte, auf die Straße und rief: »Luisa, die Heilige kommt!«. Gemäß kirchlicher Anordnung verließ Luisa nur nachts das Haus, um einen Menschenauflauf und fanatische Auswüchse zu vermeiden. Wenigstens einmal pro Jahr brachte man sie, meistens im Sommer, in ein anderes Haus, um Großputz zu machen, die Wände neu zu weißen, das Stroh auszuwechseln usw.

Viele Familien wetteiferten in Corato darum, Luisa zu beherbergen, wie z. B. die Familien Capano, Cimadomo, Padroni Griffi, Azzariti und andere. Man schickte die eigene Kutsche zu Luisa, um sie abzuholen. Die Fahrt sollte geheim gehalten werden, aber die Kinder auf der Straße hatten offensichtlich so etwas wie einen sechsten Sinn und verbreiteten überall, daß Luisa vorbeiführe: »Kommt alle heraus, Luisa, die Heilige, fährt vorbei!«. Alle Menschen kamen hinaus und säumten die Straßen mit Lichtern.

Eines Tages erfuhr ich, daß auch mein Vater als Junge desöfteren mit seinen Kameraden an diesen nächtlichen Ereignissen teilgenommen hatte. Ich war bereits Kapuziner und Theologiestudent, als ich ihn fragte: »Hat euch zuvor jemand von dem Transport Bescheid gesagt?«. Er sagte: »Nein, wir merkten aber innerlich, daß Luisa bald in der Kutsche vorbeifahren würde«.

Der Soldat, der keiner werden konnte

Wegen der wechselhaften Zeiten und der schlechten Währungssituation wäre unsere eigentlich wohlhabende Familie beinahe an den Rand der Armut gedrängt worden. Aufgrund des großen Unglücks, das meiner Familie widerfuhr (zwei Schwestern meiner Tante starben und ihr Vater war halbseitig gelähmt; der älteste Bruder war nach Argentinien ausgewandert, um dort sein Glück zu versuchen), wurde der